08 September 2016

Rezension: Honey in My Hand (EP) von Strato. - Der eigene Flow.

Die Hamburger Band Strato hat mit ihrer EP "Honey in My Hand" ein überzeugendes Debüt vorgelegt. Sie bedienen sich vieler musikalischer Zitate, klingen mal ein wenig wie Tame Impala, dann entfernt wie The Smiths. 

Es könnte für dieses Debüt keinen passenderen Titel geben als "Honey in My Hand": Die sechs Songs der jungen Hamburger Band "Strato" (bestehend aus: Hendrik, Mats, Martin und John) klingen so gut, als träufelte man Honig auf sein Frühstücksbrot oder ließe den goldgelben Saft langsam und genüsslich - an seinem Löffel herunter - in eine Tasse Tee rinnen. Der titelgebende Song der EP hat seinen ganz eigenen Flow und versetzt den Hörer in das Gefühl eines Sonntagmorgen. Es ist ein sanft-süßliches Dahinfließen, ein Schwelgen gar. Es sind Erinnerungen an die letzte Nacht auf dem Kiez, an dieses eine Mädchen, das man nie vermutlich nie wieder sehen wird. "Honey in My Hand" bietet immer wieder Momente, die einen in dieses Gefühl versetzen. - Die EP ist auch ein Reigen aus Remineszenzen: Frontsänger Hendrik Lenz singt "Wish I Was" im Stile Morrisseys und die Schlagzeugrhythmen einiger Stücke erinnern an "Tame Impala".

Natürlich bietet die EP auch Anlass zu Kritik. So ist die Produktion allzu "rough" geraten. Der Lead-Sänger ist streckenweise schwer zu verstehen und auch die Sounds der Instrumente wirken manchmal ein wenig verwaschen. Auch an der Melodieführung und Dramaturgie einzelner Songs könnte die Band noch feilen. Dennoch gilt: Ein überzeugendes Debüt!

7/10

20 Juni 2016

Beobachtungen: Unter Journalisten. - Das Reporter-Forum 2016.

Unter dem Motto "Handwerk, Haltung, Hoffnung" kamen am 03. und 04.Juni 2016 etwa 300 Journalistinnen und Journalisten beim "Reporter-Forum" zusammen, um über die Zukunft ihrer Branche zu sprechen. Neben Workshops mit klassischer Textarbeit haben Dozentinnen und Dozenten aus den Bereichen Print, Radio, Fernsehen, Online und Multimedia neue Projekte, interessante Apps oder bahnbrechende Ideen vorgestellt. 

Wenn Namen aus der Autorenspalte einer Zeitung plötzlich nicht bloß ein Gesicht, sondern auch noch einen Körper und eine Stimme bekommen, muss sich etwas verändert haben. Die journalistische Welt, der ich mich schon immer nah fühlte, von der ich aber nie länger als ein paar Monate Teil war, hatte sich mir geöffnet.

Ich stehe am 03.Juni um 09:00 Uhr morgens im Foyer des SPIEGEL an der Ericusspitze in Hamburg und staune. Klaus Brinkbäumer läuft an mir vorbei, Isabell Prophet steht vor mir in der Schlange zur Anmeldung und Andreas Wolfers - der Leiter der Henri-Nannen-Schule - nickt mir zu. Wir hatten uns im April in der Endrunde für den 37.Lehrgang erstmals getroffen. Leider ist nichts draus geworden. Trotzdem stehe ich nun hier. Mitten unter Namen, die ich täglich irgendwo, ob im Netz, in einem gedruckten Magazin oder als Einblendung in einem Fernsehbeitrag, lese. Fühlt sich ziemlich gut an! - Dieses Jahr steht das Reporter-Forum unter dem Motto "Handwerk, Haltung, Hoffnung". Das klingt erst einmal gut. Die zwei Tage werden zeigen, dass das Motto nicht bloß gut klingt. Selten habe ich in so kurzer Zeit so viele Anregungen für interessantes Storytelling oder neue Medien-Formate erhalten: Richard Gutjahr infiziert fast alle Anwesenden in seinem Workshop mit Snapchat (ob das wohl an den witzigen Filtern liegt, die man über sein Gesicht legen kann?), Martin Heller von der WELT taucht mit uns in die virtuelle Realität ein und zeigt wie 360-Grad-Filme gelingen können.
Neben den spannenden, neuen Ansätzen, die der digitale Wandel in die Medienbranche bringt, zeigt sich, dass Journalistinnen und Journalisten in den letzten Jahren seit der vielbesprochenen Medienkrise und den unsäglichen "Lügenpresse"-Vorwürfen gelernt haben, jedes Thema offen zu diskutieren. Ich habe früher viel von der "Arroganz der Medienbranche" gehört, sie aber noch nie erfahren. Erst recht nicht auf dem Reporter-Forum in Hamburg. Dort traf ich einfach nur auf freundliche, sehr interessierte Frauen und Männer, die am Liebsten gute Geschichten erzählen.

Es gäbe noch viele Workshops, die eine Erwähnung verdient hätten. Doch das Schlüsselerlebnis hatte ich in der Sitzung "Wie funktioniert guter Erklärjournalismus?" von Oliver Trenkamp, Roman Höfner und Alexander Epp (allesamt bei der SPIEGEL-Gruppe). - Roman Höfner gab einen Exkurs über "Embodied Cognition", eine These der Kognitionswissenschaften, die Bewusstsein und Körper miteinander in Verbindung bringt. Es ging ihm darum zu zeigen, wie er in der Praxis an die visuelle Darstellung komplexer Themen herangeht und wie ein Leser oder Zuschauer diese einfach begreifen kann. Wenn ich mich recht entsinne, sagte Höfner, Verstehen sei ein "Wiedererleben mit allen Sinnen". Man müsse sich also immer fragen, welche Situation ein jeder bzw. man selbst schon einmal erlebt habe, um einen Raum zu bilden, in welchem ein Erklärstück stattfindet. Ist dieser Raum einmal gefunden, schließen sich viele Fragen an, die direkt auf die Sinne eines Menschen zielen: Was sieht oder hört, was riecht, schmeckt oder fühlt man? - Mir ging auf: Beherzigt man diese Theorie auch nur ein wenig, wird man besser und lebendiger schreiben beziehungsweise erklären können.

Nachdem alle Workshops gelaufen waren und ich allein in der Bahn auf dem Rückweg saß, ging mir auf, dass Journalisten in vielen Situationen mutiger sein könnten. Zurzeit tasten wir alle uns in eine - sich immer schneller entwickelnde - Welt. Dabei nutzen wir die Reichweite und Expertise von Firmen wie Snapchat oder Facebook, um Geschichten in neuen Formaten zu erzählen oder Leserinnen und Leser auf uns aufmerksam zu machen. - Es ist an der Zeit, dass wir selbst Mut fassen und eigene Formate entwickeln. Wenn wir die Vertrauenskrise der Medien beenden wollen, könnte es ein erster Schritt sein, eigene, innovative Formate zu entwickeln und uns damit unverzichtbar zu machen. Am Ende ist jedoch wie eh und je am Wichtigsten: Eine gute Geschichte, ist eine gute Geschichte. Egal in welchem Medium.

12 Juni 2016

Beobachtungen: Der Spott der anderen.

Seit Freitagabend hat Deutschland wieder etwas über 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainer. Ihre Expertise erstreckt sich von einem ausgeprägten Taktik-Verständnis über die einzig wahre Startelf-Wahl bis hin zu Sprachtipps zur Aussprache von Spielernamen. Letztere gelten vor allem dem ZDF-Sportkommentator Béla Réthy. Er kommentierte das EM-Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Rumänien (2:1). 

In diesen Tagen gibt es kein Entkommen; wohin man auch geht - die Fußball-Euphorie schwappt als große, schwarz-rot-güldene Welle durch unser Land. Viele Millionen Menschen sehen mit Spannung, Freude oder Skepsis dem ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft am heutigen Abend (12.Juni, 21 Uhr, ARD) gegen die Ukraine entgegen. Im Mittelpunkt wird heute Abend der ARD-Kommentator Gerd Gottlob stehen, der schon das dritte Mal in Folge das erste Spiel der deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier kommentiert. Schon jetzt ist abzusehen, dass jeder noch so kleine Fehltritt von den etwas mehr als 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainern vor den Fernsehgeräten kritisch kommentiert werden wird.

Die sozialen Medien machen es uns leicht unseren Spott für falsch ausgesprochene Namen, verdrehte Fakten oder nicht beendete Sätze in die Welt zu tragen. ZDF-Kommentator Béla Réthy stand Freitagabend nicht das erste Mal in der Kritik er würde die Namen verschiedener französischer Spieler falsch aussprechen. Auf Twitter echauffierten sich viele Nutzer, er spräche den Namen des 2:1-Siegtorschützen Dimitri Payet falsch aus. Sie waren der Meinung man müsse den Spieler von West Ham United "Payee" aussprechen. Réthy sprach ihn wiederholt "Pajet" aus. Schon während des Spiels hatte Béla Réthy darauf verwiesen, warum er den Namen so ausspreche. Payet stammt von der Insel La Reunion. Dort spricht man den Namen Payet aufgrund eines eigenen Dialekts "Pajet" aus. 

Diese Diskussion ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Sie zeigt jedoch exemplarisch, dass das Internet besonders gut funktioniert und Klickraten enorm ansteigen, wenn Nutzer über eine andere Person spotten. Einige lassen ihre Häme, ihre Wut, ihre Besorgnis ungefiltert in Tweets oder Posts fließen und entfachen somit immer neue Shitstorms. Tag für Tag werden neue "Debatten" angestoßen, ohne das je eine davon einmal ein Ende findet. Viele Diskussionen funktionieren nur in selbstreferenziellen Schleifen und entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als heiße Luft. Allein, wir sollten uns fragen, ob wir die stellenweise hämischen, teils bösartigen Kommentare wirklich brauchen, um uns aufgrund von ein paar Klicks mehr besser zu fühlen. 

Heute Abend spielt nun also die deutsche Nationalmannschaft. Beginnen wir lieber wieder damit über schönen Fußball, euphorische Fangesänge und emotionale Kommentatoren zu staunen statt ständig danach zu suchen, was wir lieber anders dargebracht hätten. Übrigens: Das gilt nicht nur für die deutsche Mannschaft. Es gilt für jede der 24 Mannschaften des Turniers. 

09 Juni 2016

Reportage: Die gewöhnlichste Nacht.

Diese Reportage entstand für die erste Runde der Henri-Nannen-Schule zum Thema "Das letzte Mal: Wie jemand Abschied nimmt". Es geht um zwei Freunde, die sich an einem Dienstagabend im Februar in Hamburg treffen. Sie beobachten, sie lauschen. Doch es passiert nichts.

Wenn im Jenisch-Park die ersten Umrisse der alten Bäume aus der tiefschwarzen Nacht auftauchen und der Morgen langsam über Hamburg heraufzieht, ist es, als legte sich ein Instagram-Filter über die eigenen Augen. Alle Farben wirken sanft, knochige Äste und Baumstümpfe weichgezeichnet. Neben mir wandert Darius – eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen von der Nacht gezeichnet – über einen Schotterweg, der in ausladenden Kurven und immer sanft abfallend, hinunter zur Elbe führt. Darius bewegt sich trotz einiger Gläser Rotwein noch immer elegant. Er schreitet aus wie auf einer Promenade und schwingt seine Arme passend dazu. Seine Finger spreizt er aus Gewohnheit beim Gehen immer leicht ab. Es muss etwa sieben Uhr morgens sein. Die Luft ist klar und kalt. Beim Atmen bilden sich vor unseren Mündern weiße Wölkchen. „Warum sind wir eigentlich ausgerechnet unten in Teufelsbrück?“, fragt Darius müde und dreht mir seinen Kopf zu. Ich zucke nur mit den Schultern.

Wir betreten den Anleger, während eine Fähre, die Mitarbeiter des Airbus-Werks hinüber nach Finkenwerder schippert, andockt. Beißender Dieselgeruch und ein dröhnender Schiffsmotor können weder uns noch einen der Pendler aus ihrer Welt reißen. Ein Matrose wirft aus Gewohnheit einen dicken Tampen über einen Poller. Der Anleger wiegt sich im Takt der Wellen. Mit zumeist trübem Blick gehen ein paar Fahrgäste an Land. – Während wir noch wach sind, sind es diese Frauen und Männer, die den Anleger betreten sowie die Arbeiter von Airbus in ihren dunkelblauen Winterjacken und Overalls schon wieder. Darius und ich tun das, was wir schon die ganze Nacht über getan haben. Zuhören. Schweigen. Uns einfach treiben lassen. 

Ich hatte Darius am frühen Abend in seiner Wohnung an der Christuskirche besucht. Er lebt in einem dieser backsteinernen Mietshäuser, deren Flure nach wurmstichigem Holz und alterndem Gummiboden riechen. Die Wände sind so dünn, dass wir das laute Plärren eines Babys und zwei überdreht lachende Mädchen nebenan hören können. Eigentlich hatten Darius und ich uns getroffen, um mal wieder Zeit miteinander zu verbringen. Wir wollten ein paar Zigaretten rauchen, etwas Wein trinken sowie alte Filme schauen. Aber uns beide lockt in dieser Februarnacht die Dunkelheit auf die Straßen. Wir beginnen planlos durch Hamburg zu wandern. Auf der Schanze treiben sich an diesem Dienstagabend kaum Menschen herum. Das „Goldfischglas“ und das „Haus III&70“ sind kaum besucht. Irgendwo im Schanzenpark brüllt ein Mann trunken in die Dunkelheit hinein. Passanten sehen kurz von ihren Handys auf, schauen sich nach links und rechts um, senken dann wieder den Blick und eilen weiter die geräumige Straße hinab. Während Autos über das Kopfsteinpflaster poltern, laufen Darius und ich zum Schanzenbahnhof und nehmen die letzte S-Bahn nach Altona. 

Außer einem Punker mit signalgelb gefärbtem Haar, sitzt niemand in unserem Wagon. Im Bahnhof Altona betrachten Darius und ich uns unter flackerndem Neonlicht in den neuen Glasscheiben der Geschäfte, die dort bald eröffnen sollen. Imbissbuden, Schnellrestaurants, Bäckereien. Nichts bewegt uns zum Bleiben. Die Zeit flieht vor unseren Schritten. Irgendwie bekommen wir bei unserem planlosen Hin- und Herrennen nicht mit wie spät (oder sagt man jetzt schon früh?) es ist. Nachdem wir in einer Kneipe auf der Ottensener Hauptstraße zu versacken drohen, beschließen wir nicht mehr ganz klaren Kopfes, das Ende der Nacht – das Morgengrauen – an der Elbe zu erleben. – So sitzen wir also auf einer Bank in Teufelsbrück während ein schneidender Wind über die Elbe pfeift und das Wasser sich kräuselt. Langsam wird der Instagram-Filter vor unseren Augen kontrastreicher, die ersten Sonnenstrahlen schlagen auf dem Wasser auf und zerspringen zusammen mit der Gischt in kleine, glitzernde Punkte. Die Nacht nimmt Abschied. 

Gustave Flaubert hat einst versucht ein Buch über das Nichts zu schreiben, lernen wir in Paolo Sorrentinos Film „La Grande Belezza“, den Darius und ich am frühen Abend gesehen haben. Jetzt, nachdem ich diese Reportage heruntergeschrieben habe, fühle ich mich auch ein wenig, als hätte ich gerade über nichts geschrieben. Viele Eindrücke, kaum Handlung. Aber vielleicht muss das ja so sein. Eines kann ich jedenfalls mit Gewissheit sagen: Kein Moment, so klein er auch sein möge, ist wiederholbar. Alles flieht vor unseren Augen und wir können es nur festhalten, wenn wir es niederschreiben. Selbst die gewöhnlichste Nacht ist immer ein letztes Mal.

14 Mai 2016

Beobachtungen: Abgehängt und ausgeschlossen. - Warum es einfache Antworten heute leicht haben.

In unserer schnellen Welt Antworten auf die großen Fragen zu finden oder Zusammenhänge zu erkennen, fällt immer schwerer. Die Angst davor abgehängt zu werden, macht Menschen empfänglich für einfache Antworten. 

Es stehen uns so viele Antworten wie nie zuvor zur Verfügung. Wer sich nicht mehr daran erinnern kann, wie schnell das Licht durchs Weltall rast oder warum Blätter im Herbst ihre Farbe wechseln, erhält mit ein paar Mausklicks und der Hilfe von Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing eine schnelle Antwort. Fakten abzurufen ist so leicht wie nie zuvor. 

Gleichzeitig ist es schwieriger denn je, Zusammenhänge zu verstehen. Die Verzahnung der Welt, all die politischen Verträge zwischen einzelnen Staaten, die komplizierten Ströme der weltweit gehandelten Güter und kulturelle Differenzen, lassen sich nicht einfach mit einer Suchmaschine begreifen. Den amerikanischen Philosophen Michael Patrick Lynch führte diese Erkenntnis in seinem Buch "The Internet of Us" zu der Feststellung, dass wir im so genannten "Big Data"-Zeitalter mehr wüssten als je zuvor, aber immer weniger verstünden. Diese Erkenntnis hatte bereits T.S. Eliot - siebzig Jahre vor Lynch. Er schrieb 1934: "Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?". Diese Frage ist heute aktueller denn je. Durch die vielen Möglichkeiten sich über Liveticker, Eilmeldungen oder Livestreams über den aktuellen Zustand unserer Welt zu informieren, sind beinahe unbegrenzt. An manchen Tagen setzen die großen Medienhäuser zehn Eilmeldungen ab. Informationen gelangen ohne Zeitverzögerung und ungefiltert zu uns. Jeder, der ein Smartphone besitzt, erhält fast ebenso schnell Agenturmeldungen wie die Zeitungsredaktionen.

Das führt dazu, dass sich bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht ob des Tempos unserer Welt breitmacht. Es fällt immer schwerer Zusammenhänge zwischen einzelnen Ereignissen zu bilden oder die Wichtigkeit von Nachrichten zu sortieren. Plötzlich werden die Ergebnisse eines Fußballspiels  auf derselben Ebene wahrgenommen wie ein Flugzeugabsturz. Es lässt sich mittlerweile eine gewisse Routine beim Wahrnehmen von Schreckensmeldungen feststellen. Zumindest solange die eigene Sphäre davon nicht direkt betroffen scheint. - Die Terroranschläge von Brüssel und Paris sowie die Flüchtlingskrise zeigen, dass Menschen beginnen panisch zu reagieren, wenn ihr direktes Wahrnehmungsfeld betroffen ist. Da sich Zusammenhänge nur noch schwer herstellen lassen und Reizworte wie "Krise" oder "Anschlag" sehr schnell auf fruchtbaren Boden fallen, suchen viele Menschen nach einem rettenden Orientierungspunkt. Sie fühlen sich abgehängt und überfordert. Sie fühlen sich, als kümmerte sich niemand um ihre Belange, weil diese scheinbar nicht in den Medien auftauchen.

Deshalb verfangen einfache Antworten derzeit besonders gut. In ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika, entdecken die Menschen plötzlich ihren Nationalismus wieder. Es erscheint ihnen leichter die Welt auszuschließen und sich engstirnig den Gruppenzugehörigen zuzuwenden. 

In Zeiten der einfachen Antworten ist es umso wichtiger, dass Medien und Politik ihre Aufgabe gewissenhaft wahrnehmen und Zusammenhänge erklären. Die Verunsicherung vieler Menschen lässt sich nicht durch markige Sprüche oder noch mehr Informationen überwinden, sondern nur durch viel Zeit und die Fähigkeit zu erklären wie bestimmte Entscheidungen oder Ereignisse zustande kommen. Die einfachen Antworten der Nationalisten können gegen Sachlichkeit und Besonnenheit nichts ausrichten.


11 Mai 2016

Kommentar: Bewahrer der Menschenwürde.


Diesen Kommentar schrieb Autor Tobias Lentzler für die Bewerbung bei der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Er wurde in die Endrunde eingeladen, scheiterte dort jedoch. Das Thema des Kommentars lautete: "Journalisten müssen Haltung zeigen, für grundsätzliche Werte einstehen, Orientierung bieten, gerade in der heutigen Zeit. Das meinen die einen. Nein, sagen andere, wir brauchen keinen "Nanny-Journalismus", der zu jedem Geschehen, über das er berichtet, auch noch erklärt, was wir davon zu halten hätten. Und, was ist Ihr persönlicher Standpunkt in der Haltungsfrage?" - Ich war der Meinung, dass eine  funktionierende Demokratie meinungsstarke Journalisten braucht. 

  
Skandalversessen, manipulativ und bestechlich – so nahm eine Mehrheit der Deutschen laut einer Studie des Kommunikationswissenschaftlers Wolfgang Donsbach Journalisten wahr. Das war 2009. Spätestens seit dem vergangenen Jahr stehen alle Journalisten unter Generalverdacht, sie berichteten nicht wahrheitsgetreu, hielten gezielt Informationen zurück oder diktierten Meinungen. Diese Überzeugung gipfelt in dem diffamierenden Vorwurf „Lügenpresse“. – Die Berichterstattung der Medien kritisch zu hinterfragen, ist vollkommen legitim. So wie die Presse die Meinungsbildung erleichtern- und Machthaber kontrollieren soll, sollten Bürger die mediale Berichterstattung hinterfragen dürfen. Doch jeden Zeitungsartikel, jeden Fernsehbericht und jede Nachrichtenmeldung auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken infrage zu stellen und mit dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu überziehen, nur weil die ausgedrückte Haltung nicht in das eigene Weltbild passt, ist fadenscheinig und brandgefährlich. Eine funktionierende Demokratie ist auf Journalisten angewiesen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) sieht die Aufgabe und Verantwortung der Medien in der Achtung und dem Schutz der Menschenwürde eines jeden Einzelnen. Der deutsche Pressekodex erweitert das Berufsverständnis eines Journalisten um die Notwendigkeit, unbeeinflusst von persönlichen Interessen zu berichten. In bewegten Zeiten ist es jedoch unabdingbar, dass Journalisten ihre eigene Meinung in Kommentaren kundtun, um ihrer Aufgabe, die Menschenwürde eines jeden Bürgers zu wahren, nachzukommen. Selbstverständlich müssen in Berichten unterschiedliche und unangenehme Positionen zu Wort kommen. Jedoch dürfen Fremdenfeindlichkeit, Hetze oder Sexismus nicht ohne Einordnung verbreitet werden.

09 April 2016

Rezension: "Younger" von Jonas Alaska. - Ein verloren geglaubter Vertrauter.

Der norwegische Singer/Songwriter Jonas Alaska veröffentlichte am 08.April 2016 mit "Younger" ein durchweg erfrischendes Album. Einige Lieder eignen sich hervorragend als Untermalung eines Roadtrips durch Skandinavien. Seine musikalische Heimat Liverpool schwingt in jedem seiner Songs mit. 

Kaum sind die ersten zehn Sekunden von "Summer", dem Opener von Jonas Alaskas neuem Album "Younger" verklungen, stutzt man das erste Mal: Diese Stimme kommt einem doch verdächtig bekannt vor. Sie ist ein lange verloren geglaubter Vertrauter. Sie erinnert gerade in den höheren Lagen verdächtig an den großen John Lennon. Auch Alaskas Akkord-Muster, Rhythmen und auf das erste Hören unkomplizierte Songmuster, erinnern an Lennons Solo-Zeit. Vielleicht liegt es daran, dass Jonas Alaska seine musikalische Ausbildung am Liverpool Institute for Performing Arts erfahren hat. Die Hochschule wurde 1996 unter tatkräftiger Mithilfe von Ex-Beatle Paul McCartney, Lennons kongenialem Partner, ins Leben gerufen. Und nicht zuletzt ist Liverpool der Beginn der Beatles in den frühen sechziger Jahren.

Mit "Younger" veröffentlicht Jonas Alaska sein drittes Album seit seinem Debüt 2011. Es ist ein stimmiges, kurzweiliges, sehr unterhaltsames Album. Auf "Younger" schlägt er neben seiner akustischen Gitarre und bewährten Picking-Mustern immer öfter die E-Gitarre an und sorgt mit Background-Vocals und einer sehr guten Produktion für einen satteren Sound. Vor allem die Songs "Animal", "Astronomy" und "Paper Plane" überzeugen vom ersten Ton an. Stillstehen fällt danach schwer. Immer wieder spielt man die Songs im Kopfe durch. Nicht nur seine Stimme sondern auch die gefälligen, humorvollen und manchmal melancholischen Songs machen "Younger" hörenswert. Es geht ums Verlieben, um die eigene Schulzeit und die Ängste, die einen als Teenager dann und wann befallen. Wenn man die Augen schließt ist es gar, als liefen die eigenen Geschichten aus dieser Zeit vor einem ab. Nur dieses Mal mit einem passenderen Soundtrack und unterwegs in Skandinavien.

7/10