14 November 2016

"Money Makes the World Go Round" - Der Volkswirt Thomas Mayer im Interview.

Thomas Mayer war bis 2012 Chefökonom der Deutschen Bank bevor er zwei Jahre später sein Buch "Die neue Ordnung des Geldes" veröffentlichte, welches die Frage nach einem alternativen Verständnis unseres Geld- und Währungssystem stellt. Im Interview mit kulturlog spricht er über die Krise der Deutschen Bank, seine Vision von der Zukunft des Geldes, die Geschwindigkeit im Bankwesen und seine Arbeit als Professor an der Universität Witten/Herdecke. Das Interview fand im November 2016 per E-Mail statt. 

Herr Prof. Dr. Mayer, die Deutsche Bank – jenes Unternehmen für das Sie bis 2012 als Chefvolkswirt tätig waren – befindet sich derzeit in einer schweren Krise. Stellen Sie sich vor Sie müssten einem Menschen auf der Straße davon berichten: Worin liegen die Ursachen der Krise und welche Chancen könnten sich aus ihr ergeben?

Das Problem ist, dass der sprichwörtliche Mensch auf der Straße mit einer genauen Analyse der Lage überfordert ist. Deshalb macht er lieber „die Gier der Banker“ für alle Probleme verantwortlich. Das versteht jeder. Aber es wäre zu schön, wenn es so einfach wäre. Dann könnte man die gierigen Banker ja einfach durch nette Banker ersetzen und alles wäre gut. Die wirklichen Probleme der Deutschen Bank kommen von dem notwendigen, aber verpatzten Einstieg ins Investmentbanking. Warum war er notwendig? Weil die deutsche Industrie, die Kernkundschaft der Deutschen Bank, eine Bank für ihre Kapitalmarktgeschäfte brauchte. Warum wurde er verpatzt? Weil dem Management der deutschen Bank die Eingliederung der zugekauften Investmentbanken und –banker misslang und es über diese die Kontrolle verlor.


Zunächst eine allgemeine Frage: Was macht das Bankwesen für unsere Wirtschaft so wichtig?

„Money makes the world go round“. Diesen Song aus dem Musical Cabaret kennt jeder. Und die Banken drehen nicht nur das große Geldrad, sie produzieren auch unser Giralgeld, die wichtigste Geldform. Eine wichtigere Funktion für die Wirtschaft kann es kaum geben.


Was ist Ihre Vision von der Zukunft des Geldes und der Banken?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es keine gute Idee ist, das Geld von den Banken produzieren zu lassen. Das sollte allein Zentralbanken vorbehalten sein, wobei ich mir auch private Zentralbanken und Wettbewerb zwischen diesen und den öffentlichen vorstellen kann. Die Geschäftsbanken sollten sich um die Abwicklung des Zahlungsverkehrs und die Herstellung der Verbindung zwischen Sparern und Investoren zu deren gegenseitigem Nutzen kümmern. So steht es zwar in jedem Lehrbuch, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.


Viele Menschen misstrauen Banken und zum Teil auch Bankern. Wie kann man in Zeiten ohnehin erodierenden Vertrauens eben dies zurückgewinnen?

Durch Offenheit und Ehrlichkeit. Die Leute müssen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, was die Banken machen und wie sie ihr Geld verdienen. Die meisten „Experten“ scheuen aber vor einer Erklärung zurück, zum einen weil sie das System so kompliziert gemacht haben, dass sie es selbst kaum mehr verstehen, zum anderen, weil sie ihr Wissen als „Herrschaftswissen“ betrachten, das sie nicht weitergeben wollen, weil sie fürchten, dadurch eigene Vorteile zu verlieren.


Wie wichtig ist Geschwindigkeit im Bankwesen bzw. der Wirtschaftswelt und welche (positiven) Auswirkungen hätte „Entschleunigung“?

Abgesehen von dem gesamtwirtschaftlich nutzlosen oder sogar schädlichen High-Frequency-Trading leidet das Bankwesen nicht an überhöhter Geschwindigkeit. Im Gegenteil, manchmal wundert es einen, wie lange eine Überweisung immer noch dauern kann und wieviel sie dann kostet. Künftig wird der Zahlungsverkehr schneller und billiger abgewickelt werden, wenn Eigentumsübertragungen mit Hilfe der Blockchain-Technologie erfasst werden.


Der Euro könnte vor einer neuen Zerreißprobe stehen. Was genau geschieht derzeit in Italien und wie verhindert man dort eine folgenschwere Bankenkrise?

Seit rund einer Dekade stagniert die italienische Wirtschaft, weil es das Land nicht geschafft hat, sich an den Euro anzupassen. Die wirtschaftliche Stagnation hat viele Kredite schlecht werden lassen und die Banken geschwächt. Gegenwärtig wird das Land nur noch mit Finanzhilfe der EZB in der EWU gehalten. Ohne den Ankauf italienischer Staatsanleihen durch die EZB hätten wir schon längst eine neue italienische Schuldenkrise. Da ich keine Hoffnung habe, dass das Land mit einer festen Währung in der Tradition der D-Mark leben kann, muss eben der Euro die Eigenschaften der Lira annehmen. Die EZB tut dafür ihr Möglichstes: Sie hätte gerne eine höhere Inflation und eine schwächere Währung und sie hilft den finanzschwachen Staaten bei der Finanzierung. Wollen wir den Euro behalten, müssen wir uns damit abfinden, dass er mehr der Lira ähnelt als der D-Mark, die wir aufgeben haben, um den Euro zu bekommen.


Allgemeinhin wird angenommen, dass Banken-, Schulden-, und Währungskrisen nicht unabhängig-, sondern sich wechselseitig verstärkend auftreten. Wie kann man diesen Teufelskreis am Besten durchbrechen?

Meiner Meinung nach ist die Konstruktion unseres Geldsystems ein wichtiger Grund für die wiederkehrenden Finanzkrisen. Wie gesagt wird dort Giralgeld über Kreditvergabe erzeugt. Um mehr Geld zu schaffen, müssen mehr Schulden gemacht werden. Die Zentralbanken steuern den Prozess der Gelschöpfung durch Kreditvergabe über ihre Zinsen für Kredite an die Banken. Da diese Zinsen zur Ankurbelung der Wirtschaft oft zu niedrig angesetzt werden, kommt es immer wieder zu Überschuldung und daran anschließend Schuldenkrisen.


Sie sind Honorarprofessor an der Universität Witten/Herdecke. Wie sollte man Studierenden heute in Wirtschaftswissenschaften unterrichten? Was geben Sie Ihnen mit auf den Weg?

Das Wichtigste ist, keinem zu trauen, nur weil er sich Professor nennt. Die Studenten müssen kritisch hinterfragen, was ihnen gelehrt wird, und ob das, was sie lernen hilft, die Wirklichkeit besser zu verstehen. Eine Lehre, die an der Wirklichkeit vorbei geht, taugt nichts, auch wenn ihre Vertreter mit Nobelpreisen geadelt wurden.

Was lernen Sie von Ihren Studenten? Welche Inspirationen nehmen Sie für Ihre Tätigkeit als Gründungsdirektor des Research Institutes von Flossbach von Storch mit?

Ich mag die Herausforderung, die Dinge so zu erklären, dass meine Studenten sie verstehen. Wenn ich das nicht schaffe, ist das ein Zeichen, dass ich die Dinge selbst nicht verstanden habe.


Abschließend: Die Arbeit als Banker und Gründungsdirektor der Denkfabrik der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch bringt es mit sich, dass Sie von teils hohen Geldsummen umgeben sind. Welche Bedeutung hat Geld für Sie persönlich?

Ich bin gebürtiger Schwabe und die haben ja bekanntlich einen genetisch bedingten Hang zum Geld. Abgesehen davon halte ich es mit der Weisheit meiner Mutter, die mir als Kind mal gesagt hat: Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt.


08 September 2016

Rezension: Honey in My Hand (EP) von Strato. - Der eigene Flow.

Die Hamburger Band Strato hat mit ihrer EP "Honey in My Hand" ein überzeugendes Debüt vorgelegt. Sie bedienen sich vieler musikalischer Zitate, klingen mal ein wenig wie Tame Impala, dann entfernt wie The Smiths. 

Es könnte für dieses Debüt keinen passenderen Titel geben als "Honey in My Hand": Die sechs Songs der jungen Hamburger Band "Strato" (bestehend aus: Hendrik, Mats, Martin und John) klingen so gut, als träufelte man Honig auf sein Frühstücksbrot oder ließe den goldgelben Saft langsam und genüsslich - an seinem Löffel herunter - in eine Tasse Tee rinnen. Der titelgebende Song der EP hat seinen ganz eigenen Flow und versetzt den Hörer in das Gefühl eines Sonntagmorgen. Es ist ein sanft-süßliches Dahinfließen, ein Schwelgen gar. Es sind Erinnerungen an die letzte Nacht auf dem Kiez, an dieses eine Mädchen, das man nie vermutlich nie wieder sehen wird. "Honey in My Hand" bietet immer wieder Momente, die einen in dieses Gefühl versetzen. - Die EP ist auch ein Reigen aus Remineszenzen: Frontsänger Hendrik Lenz singt "Wish I Was" im Stile Morrisseys und die Schlagzeugrhythmen einiger Stücke erinnern an "Tame Impala".

Natürlich bietet die EP auch Anlass zu Kritik. So ist die Produktion allzu "rough" geraten. Der Lead-Sänger ist streckenweise schwer zu verstehen und auch die Sounds der Instrumente wirken manchmal ein wenig verwaschen. Auch an der Melodieführung und Dramaturgie einzelner Songs könnte die Band noch feilen. Dennoch gilt: Ein überzeugendes Debüt!

7/10

20 Juni 2016

Beobachtungen: Unter Journalisten. - Das Reporter-Forum 2016.

Unter dem Motto "Handwerk, Haltung, Hoffnung" kamen am 03. und 04.Juni 2016 etwa 300 Journalistinnen und Journalisten beim "Reporter-Forum" zusammen, um über die Zukunft ihrer Branche zu sprechen. Neben Workshops mit klassischer Textarbeit haben Dozentinnen und Dozenten aus den Bereichen Print, Radio, Fernsehen, Online und Multimedia neue Projekte, interessante Apps oder bahnbrechende Ideen vorgestellt. 

Wenn Namen aus der Autorenspalte einer Zeitung plötzlich nicht bloß ein Gesicht, sondern auch noch einen Körper und eine Stimme bekommen, muss sich etwas verändert haben. Die journalistische Welt, der ich mich schon immer nah fühlte, von der ich aber nie länger als ein paar Monate Teil war, hatte sich mir geöffnet.

Ich stehe am 03.Juni um 09:00 Uhr morgens im Foyer des SPIEGEL an der Ericusspitze in Hamburg und staune. Klaus Brinkbäumer läuft an mir vorbei, Isabell Prophet steht vor mir in der Schlange zur Anmeldung und Andreas Wolfers - der Leiter der Henri-Nannen-Schule - nickt mir zu. Wir hatten uns im April in der Endrunde für den 37.Lehrgang erstmals getroffen. Leider ist nichts draus geworden. Trotzdem stehe ich nun hier. Mitten unter Namen, die ich täglich irgendwo, ob im Netz, in einem gedruckten Magazin oder als Einblendung in einem Fernsehbeitrag, lese. Fühlt sich ziemlich gut an! - Dieses Jahr steht das Reporter-Forum unter dem Motto "Handwerk, Haltung, Hoffnung". Das klingt erst einmal gut. Die zwei Tage werden zeigen, dass das Motto nicht bloß gut klingt. Selten habe ich in so kurzer Zeit so viele Anregungen für interessantes Storytelling oder neue Medien-Formate erhalten: Richard Gutjahr infiziert fast alle Anwesenden in seinem Workshop mit Snapchat (ob das wohl an den witzigen Filtern liegt, die man über sein Gesicht legen kann?), Martin Heller von der WELT taucht mit uns in die virtuelle Realität ein und zeigt wie 360-Grad-Filme gelingen können.
Neben den spannenden, neuen Ansätzen, die der digitale Wandel in die Medienbranche bringt, zeigt sich, dass Journalistinnen und Journalisten in den letzten Jahren seit der vielbesprochenen Medienkrise und den unsäglichen "Lügenpresse"-Vorwürfen gelernt haben, jedes Thema offen zu diskutieren. Ich habe früher viel von der "Arroganz der Medienbranche" gehört, sie aber noch nie erfahren. Erst recht nicht auf dem Reporter-Forum in Hamburg. Dort traf ich einfach nur auf freundliche, sehr interessierte Frauen und Männer, die am Liebsten gute Geschichten erzählen.

Es gäbe noch viele Workshops, die eine Erwähnung verdient hätten. Doch das Schlüsselerlebnis hatte ich in der Sitzung "Wie funktioniert guter Erklärjournalismus?" von Oliver Trenkamp, Roman Höfner und Alexander Epp (allesamt bei der SPIEGEL-Gruppe). - Roman Höfner gab einen Exkurs über "Embodied Cognition", eine These der Kognitionswissenschaften, die Bewusstsein und Körper miteinander in Verbindung bringt. Es ging ihm darum zu zeigen, wie er in der Praxis an die visuelle Darstellung komplexer Themen herangeht und wie ein Leser oder Zuschauer diese einfach begreifen kann. Wenn ich mich recht entsinne, sagte Höfner, Verstehen sei ein "Wiedererleben mit allen Sinnen". Man müsse sich also immer fragen, welche Situation ein jeder bzw. man selbst schon einmal erlebt habe, um einen Raum zu bilden, in welchem ein Erklärstück stattfindet. Ist dieser Raum einmal gefunden, schließen sich viele Fragen an, die direkt auf die Sinne eines Menschen zielen: Was sieht oder hört, was riecht, schmeckt oder fühlt man? - Mir ging auf: Beherzigt man diese Theorie auch nur ein wenig, wird man besser und lebendiger schreiben beziehungsweise erklären können.

Nachdem alle Workshops gelaufen waren und ich allein in der Bahn auf dem Rückweg saß, ging mir auf, dass Journalisten in vielen Situationen mutiger sein könnten. Zurzeit tasten wir alle uns in eine - sich immer schneller entwickelnde - Welt. Dabei nutzen wir die Reichweite und Expertise von Firmen wie Snapchat oder Facebook, um Geschichten in neuen Formaten zu erzählen oder Leserinnen und Leser auf uns aufmerksam zu machen. - Es ist an der Zeit, dass wir selbst Mut fassen und eigene Formate entwickeln. Wenn wir die Vertrauenskrise der Medien beenden wollen, könnte es ein erster Schritt sein, eigene, innovative Formate zu entwickeln und uns damit unverzichtbar zu machen. Am Ende ist jedoch wie eh und je am Wichtigsten: Eine gute Geschichte, ist eine gute Geschichte. Egal in welchem Medium.

12 Juni 2016

Beobachtungen: Der Spott der anderen.

Seit Freitagabend hat Deutschland wieder etwas über 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainer. Ihre Expertise erstreckt sich von einem ausgeprägten Taktik-Verständnis über die einzig wahre Startelf-Wahl bis hin zu Sprachtipps zur Aussprache von Spielernamen. Letztere gelten vor allem dem ZDF-Sportkommentator Béla Réthy. Er kommentierte das EM-Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Rumänien (2:1). 

In diesen Tagen gibt es kein Entkommen; wohin man auch geht - die Fußball-Euphorie schwappt als große, schwarz-rot-güldene Welle durch unser Land. Viele Millionen Menschen sehen mit Spannung, Freude oder Skepsis dem ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft am heutigen Abend (12.Juni, 21 Uhr, ARD) gegen die Ukraine entgegen. Im Mittelpunkt wird heute Abend der ARD-Kommentator Gerd Gottlob stehen, der schon das dritte Mal in Folge das erste Spiel der deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier kommentiert. Schon jetzt ist abzusehen, dass jeder noch so kleine Fehltritt von den etwas mehr als 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainern vor den Fernsehgeräten kritisch kommentiert werden wird.

Die sozialen Medien machen es uns leicht unseren Spott für falsch ausgesprochene Namen, verdrehte Fakten oder nicht beendete Sätze in die Welt zu tragen. ZDF-Kommentator Béla Réthy stand Freitagabend nicht das erste Mal in der Kritik er würde die Namen verschiedener französischer Spieler falsch aussprechen. Auf Twitter echauffierten sich viele Nutzer, er spräche den Namen des 2:1-Siegtorschützen Dimitri Payet falsch aus. Sie waren der Meinung man müsse den Spieler von West Ham United "Payee" aussprechen. Réthy sprach ihn wiederholt "Pajet" aus. Schon während des Spiels hatte Béla Réthy darauf verwiesen, warum er den Namen so ausspreche. Payet stammt von der Insel La Reunion. Dort spricht man den Namen Payet aufgrund eines eigenen Dialekts "Pajet" aus. 

Diese Diskussion ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Sie zeigt jedoch exemplarisch, dass das Internet besonders gut funktioniert und Klickraten enorm ansteigen, wenn Nutzer über eine andere Person spotten. Einige lassen ihre Häme, ihre Wut, ihre Besorgnis ungefiltert in Tweets oder Posts fließen und entfachen somit immer neue Shitstorms. Tag für Tag werden neue "Debatten" angestoßen, ohne das je eine davon einmal ein Ende findet. Viele Diskussionen funktionieren nur in selbstreferenziellen Schleifen und entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als heiße Luft. Allein, wir sollten uns fragen, ob wir die stellenweise hämischen, teils bösartigen Kommentare wirklich brauchen, um uns aufgrund von ein paar Klicks mehr besser zu fühlen. 

Heute Abend spielt nun also die deutsche Nationalmannschaft. Beginnen wir lieber wieder damit über schönen Fußball, euphorische Fangesänge und emotionale Kommentatoren zu staunen statt ständig danach zu suchen, was wir lieber anders dargebracht hätten. Übrigens: Das gilt nicht nur für die deutsche Mannschaft. Es gilt für jede der 24 Mannschaften des Turniers. 

09 Juni 2016

Reportage: Die gewöhnlichste Nacht.

Diese Reportage entstand für die erste Runde der Henri-Nannen-Schule zum Thema "Das letzte Mal: Wie jemand Abschied nimmt". Es geht um zwei Freunde, die sich an einem Dienstagabend im Februar in Hamburg treffen. Sie beobachten, sie lauschen. Doch es passiert nichts.

Wenn im Jenisch-Park die ersten Umrisse der alten Bäume aus der tiefschwarzen Nacht auftauchen und der Morgen langsam über Hamburg heraufzieht, ist es, als legte sich ein Instagram-Filter über die eigenen Augen. Alle Farben wirken sanft, knochige Äste und Baumstümpfe weichgezeichnet. Neben mir wandert Darius – eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen von der Nacht gezeichnet – über einen Schotterweg, der in ausladenden Kurven und immer sanft abfallend, hinunter zur Elbe führt. Darius bewegt sich trotz einiger Gläser Rotwein noch immer elegant. Er schreitet aus wie auf einer Promenade und schwingt seine Arme passend dazu. Seine Finger spreizt er aus Gewohnheit beim Gehen immer leicht ab. Es muss etwa sieben Uhr morgens sein. Die Luft ist klar und kalt. Beim Atmen bilden sich vor unseren Mündern weiße Wölkchen. „Warum sind wir eigentlich ausgerechnet unten in Teufelsbrück?“, fragt Darius müde und dreht mir seinen Kopf zu. Ich zucke nur mit den Schultern.

Wir betreten den Anleger, während eine Fähre, die Mitarbeiter des Airbus-Werks hinüber nach Finkenwerder schippert, andockt. Beißender Dieselgeruch und ein dröhnender Schiffsmotor können weder uns noch einen der Pendler aus ihrer Welt reißen. Ein Matrose wirft aus Gewohnheit einen dicken Tampen über einen Poller. Der Anleger wiegt sich im Takt der Wellen. Mit zumeist trübem Blick gehen ein paar Fahrgäste an Land. – Während wir noch wach sind, sind es diese Frauen und Männer, die den Anleger betreten sowie die Arbeiter von Airbus in ihren dunkelblauen Winterjacken und Overalls schon wieder. Darius und ich tun das, was wir schon die ganze Nacht über getan haben. Zuhören. Schweigen. Uns einfach treiben lassen. 

Ich hatte Darius am frühen Abend in seiner Wohnung an der Christuskirche besucht. Er lebt in einem dieser backsteinernen Mietshäuser, deren Flure nach wurmstichigem Holz und alterndem Gummiboden riechen. Die Wände sind so dünn, dass wir das laute Plärren eines Babys und zwei überdreht lachende Mädchen nebenan hören können. Eigentlich hatten Darius und ich uns getroffen, um mal wieder Zeit miteinander zu verbringen. Wir wollten ein paar Zigaretten rauchen, etwas Wein trinken sowie alte Filme schauen. Aber uns beide lockt in dieser Februarnacht die Dunkelheit auf die Straßen. Wir beginnen planlos durch Hamburg zu wandern. Auf der Schanze treiben sich an diesem Dienstagabend kaum Menschen herum. Das „Goldfischglas“ und das „Haus III&70“ sind kaum besucht. Irgendwo im Schanzenpark brüllt ein Mann trunken in die Dunkelheit hinein. Passanten sehen kurz von ihren Handys auf, schauen sich nach links und rechts um, senken dann wieder den Blick und eilen weiter die geräumige Straße hinab. Während Autos über das Kopfsteinpflaster poltern, laufen Darius und ich zum Schanzenbahnhof und nehmen die letzte S-Bahn nach Altona. 

Außer einem Punker mit signalgelb gefärbtem Haar, sitzt niemand in unserem Wagon. Im Bahnhof Altona betrachten Darius und ich uns unter flackerndem Neonlicht in den neuen Glasscheiben der Geschäfte, die dort bald eröffnen sollen. Imbissbuden, Schnellrestaurants, Bäckereien. Nichts bewegt uns zum Bleiben. Die Zeit flieht vor unseren Schritten. Irgendwie bekommen wir bei unserem planlosen Hin- und Herrennen nicht mit wie spät (oder sagt man jetzt schon früh?) es ist. Nachdem wir in einer Kneipe auf der Ottensener Hauptstraße zu versacken drohen, beschließen wir nicht mehr ganz klaren Kopfes, das Ende der Nacht – das Morgengrauen – an der Elbe zu erleben. – So sitzen wir also auf einer Bank in Teufelsbrück während ein schneidender Wind über die Elbe pfeift und das Wasser sich kräuselt. Langsam wird der Instagram-Filter vor unseren Augen kontrastreicher, die ersten Sonnenstrahlen schlagen auf dem Wasser auf und zerspringen zusammen mit der Gischt in kleine, glitzernde Punkte. Die Nacht nimmt Abschied. 

Gustave Flaubert hat einst versucht ein Buch über das Nichts zu schreiben, lernen wir in Paolo Sorrentinos Film „La Grande Belezza“, den Darius und ich am frühen Abend gesehen haben. Jetzt, nachdem ich diese Reportage heruntergeschrieben habe, fühle ich mich auch ein wenig, als hätte ich gerade über nichts geschrieben. Viele Eindrücke, kaum Handlung. Aber vielleicht muss das ja so sein. Eines kann ich jedenfalls mit Gewissheit sagen: Kein Moment, so klein er auch sein möge, ist wiederholbar. Alles flieht vor unseren Augen und wir können es nur festhalten, wenn wir es niederschreiben. Selbst die gewöhnlichste Nacht ist immer ein letztes Mal.

14 Mai 2016

Beobachtungen: Abgehängt und ausgeschlossen. - Warum es einfache Antworten heute leicht haben.

In unserer schnellen Welt Antworten auf die großen Fragen zu finden oder Zusammenhänge zu erkennen, fällt immer schwerer. Die Angst davor abgehängt zu werden, macht Menschen empfänglich für einfache Antworten. 

Es stehen uns so viele Antworten wie nie zuvor zur Verfügung. Wer sich nicht mehr daran erinnern kann, wie schnell das Licht durchs Weltall rast oder warum Blätter im Herbst ihre Farbe wechseln, erhält mit ein paar Mausklicks und der Hilfe von Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing eine schnelle Antwort. Fakten abzurufen ist so leicht wie nie zuvor. 

Gleichzeitig ist es schwieriger denn je, Zusammenhänge zu verstehen. Die Verzahnung der Welt, all die politischen Verträge zwischen einzelnen Staaten, die komplizierten Ströme der weltweit gehandelten Güter und kulturelle Differenzen, lassen sich nicht einfach mit einer Suchmaschine begreifen. Den amerikanischen Philosophen Michael Patrick Lynch führte diese Erkenntnis in seinem Buch "The Internet of Us" zu der Feststellung, dass wir im so genannten "Big Data"-Zeitalter mehr wüssten als je zuvor, aber immer weniger verstünden. Diese Erkenntnis hatte bereits T.S. Eliot - siebzig Jahre vor Lynch. Er schrieb 1934: "Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?". Diese Frage ist heute aktueller denn je. Durch die vielen Möglichkeiten sich über Liveticker, Eilmeldungen oder Livestreams über den aktuellen Zustand unserer Welt zu informieren, sind beinahe unbegrenzt. An manchen Tagen setzen die großen Medienhäuser zehn Eilmeldungen ab. Informationen gelangen ohne Zeitverzögerung und ungefiltert zu uns. Jeder, der ein Smartphone besitzt, erhält fast ebenso schnell Agenturmeldungen wie die Zeitungsredaktionen.

Das führt dazu, dass sich bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht ob des Tempos unserer Welt breitmacht. Es fällt immer schwerer Zusammenhänge zwischen einzelnen Ereignissen zu bilden oder die Wichtigkeit von Nachrichten zu sortieren. Plötzlich werden die Ergebnisse eines Fußballspiels  auf derselben Ebene wahrgenommen wie ein Flugzeugabsturz. Es lässt sich mittlerweile eine gewisse Routine beim Wahrnehmen von Schreckensmeldungen feststellen. Zumindest solange die eigene Sphäre davon nicht direkt betroffen scheint. - Die Terroranschläge von Brüssel und Paris sowie die Flüchtlingskrise zeigen, dass Menschen beginnen panisch zu reagieren, wenn ihr direktes Wahrnehmungsfeld betroffen ist. Da sich Zusammenhänge nur noch schwer herstellen lassen und Reizworte wie "Krise" oder "Anschlag" sehr schnell auf fruchtbaren Boden fallen, suchen viele Menschen nach einem rettenden Orientierungspunkt. Sie fühlen sich abgehängt und überfordert. Sie fühlen sich, als kümmerte sich niemand um ihre Belange, weil diese scheinbar nicht in den Medien auftauchen.

Deshalb verfangen einfache Antworten derzeit besonders gut. In ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika, entdecken die Menschen plötzlich ihren Nationalismus wieder. Es erscheint ihnen leichter die Welt auszuschließen und sich engstirnig den Gruppenzugehörigen zuzuwenden. 

In Zeiten der einfachen Antworten ist es umso wichtiger, dass Medien und Politik ihre Aufgabe gewissenhaft wahrnehmen und Zusammenhänge erklären. Die Verunsicherung vieler Menschen lässt sich nicht durch markige Sprüche oder noch mehr Informationen überwinden, sondern nur durch viel Zeit und die Fähigkeit zu erklären wie bestimmte Entscheidungen oder Ereignisse zustande kommen. Die einfachen Antworten der Nationalisten können gegen Sachlichkeit und Besonnenheit nichts ausrichten.


11 Mai 2016

Kommentar: Bewahrer der Menschenwürde.


Diesen Kommentar schrieb Autor Tobias Lentzler für die Bewerbung bei der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Er wurde in die Endrunde eingeladen, scheiterte dort jedoch. Das Thema des Kommentars lautete: "Journalisten müssen Haltung zeigen, für grundsätzliche Werte einstehen, Orientierung bieten, gerade in der heutigen Zeit. Das meinen die einen. Nein, sagen andere, wir brauchen keinen "Nanny-Journalismus", der zu jedem Geschehen, über das er berichtet, auch noch erklärt, was wir davon zu halten hätten. Und, was ist Ihr persönlicher Standpunkt in der Haltungsfrage?" - Ich war der Meinung, dass eine  funktionierende Demokratie meinungsstarke Journalisten braucht. 

  
Skandalversessen, manipulativ und bestechlich – so nahm eine Mehrheit der Deutschen laut einer Studie des Kommunikationswissenschaftlers Wolfgang Donsbach Journalisten wahr. Das war 2009. Spätestens seit dem vergangenen Jahr stehen alle Journalisten unter Generalverdacht, sie berichteten nicht wahrheitsgetreu, hielten gezielt Informationen zurück oder diktierten Meinungen. Diese Überzeugung gipfelt in dem diffamierenden Vorwurf „Lügenpresse“. – Die Berichterstattung der Medien kritisch zu hinterfragen, ist vollkommen legitim. So wie die Presse die Meinungsbildung erleichtern- und Machthaber kontrollieren soll, sollten Bürger die mediale Berichterstattung hinterfragen dürfen. Doch jeden Zeitungsartikel, jeden Fernsehbericht und jede Nachrichtenmeldung auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken infrage zu stellen und mit dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu überziehen, nur weil die ausgedrückte Haltung nicht in das eigene Weltbild passt, ist fadenscheinig und brandgefährlich. Eine funktionierende Demokratie ist auf Journalisten angewiesen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) sieht die Aufgabe und Verantwortung der Medien in der Achtung und dem Schutz der Menschenwürde eines jeden Einzelnen. Der deutsche Pressekodex erweitert das Berufsverständnis eines Journalisten um die Notwendigkeit, unbeeinflusst von persönlichen Interessen zu berichten. In bewegten Zeiten ist es jedoch unabdingbar, dass Journalisten ihre eigene Meinung in Kommentaren kundtun, um ihrer Aufgabe, die Menschenwürde eines jeden Bürgers zu wahren, nachzukommen. Selbstverständlich müssen in Berichten unterschiedliche und unangenehme Positionen zu Wort kommen. Jedoch dürfen Fremdenfeindlichkeit, Hetze oder Sexismus nicht ohne Einordnung verbreitet werden.