20 Juni 2016

Beobachtungen: Unter Journalisten. - Das Reporter-Forum 2016.

Unter dem Motto "Handwerk, Haltung, Hoffnung" kamen am 03. und 04.Juni 2016 etwa 300 Journalistinnen und Journalisten beim "Reporter-Forum" zusammen, um über die Zukunft ihrer Branche zu sprechen. Neben Workshops mit klassischer Textarbeit haben Dozentinnen und Dozenten aus den Bereichen Print, Radio, Fernsehen, Online und Multimedia neue Projekte, interessante Apps oder bahnbrechende Ideen vorgestellt. 

Wenn Namen aus der Autorenspalte einer Zeitung plötzlich nicht bloß ein Gesicht, sondern auch noch einen Körper und eine Stimme bekommen, muss sich etwas verändert haben. Die journalistische Welt, der ich mich schon immer nah fühlte, von der ich aber nie länger als ein paar Monate Teil war, hatte sich mir geöffnet.

Ich stehe am 03.Juni um 09:00 Uhr morgens im Foyer des SPIEGEL an der Ericusspitze in Hamburg und staune. Klaus Brinkbäumer läuft an mir vorbei, Isabell Prophet steht vor mir in der Schlange zur Anmeldung und Andreas Wolfers - der Leiter der Henri-Nannen-Schule - nickt mir zu. Wir hatten uns im April in der Endrunde für den 37.Lehrgang erstmals getroffen. Leider ist nichts draus geworden. Trotzdem stehe ich nun hier. Mitten unter Namen, die ich täglich irgendwo, ob im Netz, in einem gedruckten Magazin oder als Einblendung in einem Fernsehbeitrag, lese. Fühlt sich ziemlich gut an! - Dieses Jahr steht das Reporter-Forum unter dem Motto "Handwerk, Haltung, Hoffnung". Das klingt erst einmal gut. Die zwei Tage werden zeigen, dass das Motto nicht bloß gut klingt. Selten habe ich in so kurzer Zeit so viele Anregungen für interessantes Storytelling oder neue Medien-Formate erhalten: Richard Gutjahr infiziert fast alle Anwesenden in seinem Workshop mit Snapchat (ob das wohl an den witzigen Filtern liegt, die man über sein Gesicht legen kann?), Martin Heller von der WELT taucht mit uns in die virtuelle Realität ein und zeigt wie 360-Grad-Filme gelingen können.
Neben den spannenden, neuen Ansätzen, die der digitale Wandel in die Medienbranche bringt, zeigt sich, dass Journalistinnen und Journalisten in den letzten Jahren seit der vielbesprochenen Medienkrise und den unsäglichen "Lügenpresse"-Vorwürfen gelernt haben, jedes Thema offen zu diskutieren. Ich habe früher viel von der "Arroganz der Medienbranche" gehört, sie aber noch nie erfahren. Erst recht nicht auf dem Reporter-Forum in Hamburg. Dort traf ich einfach nur auf freundliche, sehr interessierte Frauen und Männer, die am Liebsten gute Geschichten erzählen.

Es gäbe noch viele Workshops, die eine Erwähnung verdient hätten. Doch das Schlüsselerlebnis hatte ich in der Sitzung "Wie funktioniert guter Erklärjournalismus?" von Oliver Trenkamp, Roman Höfner und Alexander Epp (allesamt bei der SPIEGEL-Gruppe). - Roman Höfner gab einen Exkurs über "Embodied Cognition", eine These der Kognitionswissenschaften, die Bewusstsein und Körper miteinander in Verbindung bringt. Es ging ihm darum zu zeigen, wie er in der Praxis an die visuelle Darstellung komplexer Themen herangeht und wie ein Leser oder Zuschauer diese einfach begreifen kann. Wenn ich mich recht entsinne, sagte Höfner, Verstehen sei ein "Wiedererleben mit allen Sinnen". Man müsse sich also immer fragen, welche Situation ein jeder bzw. man selbst schon einmal erlebt habe, um einen Raum zu bilden, in welchem ein Erklärstück stattfindet. Ist dieser Raum einmal gefunden, schließen sich viele Fragen an, die direkt auf die Sinne eines Menschen zielen: Was sieht oder hört, was riecht, schmeckt oder fühlt man? - Mir ging auf: Beherzigt man diese Theorie auch nur ein wenig, wird man besser und lebendiger schreiben beziehungsweise erklären können.

Nachdem alle Workshops gelaufen waren und ich allein in der Bahn auf dem Rückweg saß, ging mir auf, dass Journalisten in vielen Situationen mutiger sein könnten. Zurzeit tasten wir alle uns in eine - sich immer schneller entwickelnde - Welt. Dabei nutzen wir die Reichweite und Expertise von Firmen wie Snapchat oder Facebook, um Geschichten in neuen Formaten zu erzählen oder Leserinnen und Leser auf uns aufmerksam zu machen. - Es ist an der Zeit, dass wir selbst Mut fassen und eigene Formate entwickeln. Wenn wir die Vertrauenskrise der Medien beenden wollen, könnte es ein erster Schritt sein, eigene, innovative Formate zu entwickeln und uns damit unverzichtbar zu machen. Am Ende ist jedoch wie eh und je am Wichtigsten: Eine gute Geschichte, ist eine gute Geschichte. Egal in welchem Medium.

12 Juni 2016

Beobachtungen: Der Spott der anderen.

Seit Freitagabend hat Deutschland wieder etwas über 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainer. Ihre Expertise erstreckt sich von einem ausgeprägten Taktik-Verständnis über die einzig wahre Startelf-Wahl bis hin zu Sprachtipps zur Aussprache von Spielernamen. Letztere gelten vor allem dem ZDF-Sportkommentator Béla Réthy. Er kommentierte das EM-Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Rumänien (2:1). 

In diesen Tagen gibt es kein Entkommen; wohin man auch geht - die Fußball-Euphorie schwappt als große, schwarz-rot-güldene Welle durch unser Land. Viele Millionen Menschen sehen mit Spannung, Freude oder Skepsis dem ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft am heutigen Abend (12.Juni, 21 Uhr, ARD) gegen die Ukraine entgegen. Im Mittelpunkt wird heute Abend der ARD-Kommentator Gerd Gottlob stehen, der schon das dritte Mal in Folge das erste Spiel der deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier kommentiert. Schon jetzt ist abzusehen, dass jeder noch so kleine Fehltritt von den etwas mehr als 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainern vor den Fernsehgeräten kritisch kommentiert werden wird.

Die sozialen Medien machen es uns leicht unseren Spott für falsch ausgesprochene Namen, verdrehte Fakten oder nicht beendete Sätze in die Welt zu tragen. ZDF-Kommentator Béla Réthy stand Freitagabend nicht das erste Mal in der Kritik er würde die Namen verschiedener französischer Spieler falsch aussprechen. Auf Twitter echauffierten sich viele Nutzer, er spräche den Namen des 2:1-Siegtorschützen Dimitri Payet falsch aus. Sie waren der Meinung man müsse den Spieler von West Ham United "Payee" aussprechen. Réthy sprach ihn wiederholt "Pajet" aus. Schon während des Spiels hatte Béla Réthy darauf verwiesen, warum er den Namen so ausspreche. Payet stammt von der Insel La Reunion. Dort spricht man den Namen Payet aufgrund eines eigenen Dialekts "Pajet" aus. 

Diese Diskussion ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Sie zeigt jedoch exemplarisch, dass das Internet besonders gut funktioniert und Klickraten enorm ansteigen, wenn Nutzer über eine andere Person spotten. Einige lassen ihre Häme, ihre Wut, ihre Besorgnis ungefiltert in Tweets oder Posts fließen und entfachen somit immer neue Shitstorms. Tag für Tag werden neue "Debatten" angestoßen, ohne das je eine davon einmal ein Ende findet. Viele Diskussionen funktionieren nur in selbstreferenziellen Schleifen und entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als heiße Luft. Allein, wir sollten uns fragen, ob wir die stellenweise hämischen, teils bösartigen Kommentare wirklich brauchen, um uns aufgrund von ein paar Klicks mehr besser zu fühlen. 

Heute Abend spielt nun also die deutsche Nationalmannschaft. Beginnen wir lieber wieder damit über schönen Fußball, euphorische Fangesänge und emotionale Kommentatoren zu staunen statt ständig danach zu suchen, was wir lieber anders dargebracht hätten. Übrigens: Das gilt nicht nur für die deutsche Mannschaft. Es gilt für jede der 24 Mannschaften des Turniers. 

09 Juni 2016

Reportage: Die gewöhnlichste Nacht.

Diese Reportage entstand für die erste Runde der Henri-Nannen-Schule zum Thema "Das letzte Mal: Wie jemand Abschied nimmt". Es geht um zwei Freunde, die sich an einem Dienstagabend im Februar in Hamburg treffen. Sie beobachten, sie lauschen. Doch es passiert nichts.

Wenn im Jenisch-Park die ersten Umrisse der alten Bäume aus der tiefschwarzen Nacht auftauchen und der Morgen langsam über Hamburg heraufzieht, ist es, als legte sich ein Instagram-Filter über die eigenen Augen. Alle Farben wirken sanft, knochige Äste und Baumstümpfe weichgezeichnet. Neben mir wandert D. – eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen von der Nacht gezeichnet – über einen Schotterweg, der in ausladenden Kurven und immer sanft abfallend, hinunter zur Elbe führt. D. bewegt sich trotz einiger Gläser Rotwein noch immer elegant. Er schreitet aus wie auf einer Promenade und schwingt seine Arme passend dazu. Seine Finger spreizt er aus Gewohnheit beim Gehen immer leicht ab. Es muss etwa sieben Uhr morgens sein. Die Luft ist klar und kalt. Beim Atmen bilden sich vor unseren Mündern weiße Wölkchen. „Warum sind wir eigentlich ausgerechnet unten in Teufelsbrück?“, fragt D. müde und dreht mir seinen Kopf zu. Ich zucke nur mit den Schultern.

Wir betreten den Anleger, während eine Fähre, die Mitarbeiter des Airbus-Werks hinüber nach Finkenwerder schippert, andockt. Beißender Dieselgeruch und ein dröhnender Schiffsmotor können weder uns noch einen der Pendler aus ihrer Welt reißen. Ein Matrose wirft aus Gewohnheit einen dicken Tampen über einen Poller. Der Anleger wiegt sich im Takt der Wellen. Mit zumeist trübem Blick gehen ein paar Fahrgäste an Land. – Während wir noch wach sind, sind es diese Frauen und Männer, die den Anleger betreten sowie die Arbeiter von Airbus in ihren dunkelblauen Winterjacken und Overalls schon wieder. D. und ich tun das, was wir schon die ganze Nacht über getan haben. Zuhören. Schweigen. Uns einfach treiben lassen. 

Ich hatte D. am frühen Abend in seiner Wohnung an der Christuskirche besucht. Er lebt in einem dieser backsteinernen Mietshäuser, deren Flure nach wurmstichigem Holz und alterndem Gummiboden riechen. Die Wände sind so dünn, dass wir das laute Plärren eines Babys und zwei überdreht lachende Mädchen nebenan hören können. Eigentlich hatten D. und ich uns getroffen, um mal wieder Zeit miteinander zu verbringen. Wir wollten ein paar Zigaretten rauchen, etwas Wein trinken sowie alte Filme schauen. Aber uns beide lockt in dieser Februarnacht die Dunkelheit auf die Straßen. Wir beginnen planlos durch Hamburg zu wandern. Auf der Schanze treiben sich an diesem Dienstagabend kaum Menschen herum. Das „Goldfischglas“ und das „Haus III&70“ sind kaum besucht. Irgendwo im Schanzenpark brüllt ein Mann trunken in die Dunkelheit hinein. Passanten sehen kurz von ihren Handys auf, schauen sich nach links und rechts um, senken dann wieder den Blick und eilen weiter die geräumige Straße hinab. Während Autos über das Kopfsteinpflaster poltern, laufen D. und ich zum Schanzenbahnhof und nehmen die letzte S-Bahn nach Altona. 

Außer einem Punker mit signalgelb gefärbtem Haar, sitzt niemand in unserem Wagon. Im Bahnhof Altona betrachten D. und ich uns unter flackerndem Neonlicht in den neuen Glasscheiben der Geschäfte, die dort bald eröffnen sollen. Imbissbuden, Schnellrestaurants, Bäckereien. Nichts bewegt uns zum Bleiben. Die Zeit flieht vor unseren Schritten. Irgendwie bekommen wir bei unserem planlosen Hin- und Herrennen nicht mit wie spät (oder sagt man jetzt schon früh?) es ist. Nachdem wir in einer Kneipe auf der Ottensener Hauptstraße zu versacken drohen, beschließen wir nicht mehr ganz klaren Kopfes, das Ende der Nacht – das Morgengrauen – an der Elbe zu erleben. – So sitzen wir also auf einer Bank in Teufelsbrück während ein schneidender Wind über die Elbe pfeift und das Wasser sich kräuselt. Langsam wird der Instagram-Filter vor unseren Augen kontrastreicher, die ersten Sonnenstrahlen schlagen auf dem Wasser auf und zerspringen zusammen mit der Gischt in kleine, glitzernde Punkte. Die Nacht nimmt Abschied. 

Gustave Flaubert hat einst versucht ein Buch über das Nichts zu schreiben, lernen wir in Paolo Sorrentinos Film „La Grande Belezza“, den D. und ich am frühen Abend gesehen haben. Jetzt, nachdem ich diese Reportage heruntergeschrieben habe, fühle ich mich auch ein wenig, als hätte ich gerade über nichts geschrieben. Viele Eindrücke, kaum Handlung. Aber vielleicht muss das ja so sein. Eines kann ich jedenfalls mit Gewissheit sagen: Kein Moment, so klein er auch sein möge, ist wiederholbar. Alles flieht vor unseren Augen und wir können es nur festhalten, wenn wir es niederschreiben. Selbst die gewöhnlichste Nacht ist immer ein letztes Mal.

14 Mai 2016

Beobachtungen: Abgehängt und ausgeschlossen. - Warum es einfache Antworten heute leicht haben.

In unserer schnellen Welt Antworten auf die großen Fragen zu finden oder Zusammenhänge zu erkennen, fällt immer schwerer. Die Angst davor abgehängt zu werden, macht Menschen empfänglich für einfache Antworten. 

Es stehen uns so viele Antworten wie nie zuvor zur Verfügung. Wer sich nicht mehr daran erinnern kann, wie schnell das Licht durchs Weltall rast oder warum Blätter im Herbst ihre Farbe wechseln, erhält mit ein paar Mausklicks und der Hilfe von Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing eine schnelle Antwort. Fakten abzurufen ist so leicht wie nie zuvor. 

Gleichzeitig ist es schwieriger denn je, Zusammenhänge zu verstehen. Die Verzahnung der Welt, all die politischen Verträge zwischen einzelnen Staaten, die komplizierten Ströme der weltweit gehandelten Güter und kulturelle Differenzen, lassen sich nicht einfach mit einer Suchmaschine begreifen. Den amerikanischen Philosophen Michael Patrick Lynch führte diese Erkenntnis in seinem Buch "The Internet of Us" zu der Feststellung, dass wir im so genannten "Big Data"-Zeitalter mehr wüssten als je zuvor, aber immer weniger verstünden. Diese Erkenntnis hatte bereits T.S. Eliot - siebzig Jahre vor Lynch. Er schrieb 1934: "Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?". Diese Frage ist heute aktueller denn je. Durch die vielen Möglichkeiten sich über Liveticker, Eilmeldungen oder Livestreams über den aktuellen Zustand unserer Welt zu informieren, sind beinahe unbegrenzt. An manchen Tagen setzen die großen Medienhäuser zehn Eilmeldungen ab. Informationen gelangen ohne Zeitverzögerung und ungefiltert zu uns. Jeder, der ein Smartphone besitzt, erhält fast ebenso schnell Agenturmeldungen wie die Zeitungsredaktionen.

Das führt dazu, dass sich bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht ob des Tempos unserer Welt breitmacht. Es fällt immer schwerer Zusammenhänge zwischen einzelnen Ereignissen zu bilden oder die Wichtigkeit von Nachrichten zu sortieren. Plötzlich werden die Ergebnisse eines Fußballspiels  auf derselben Ebene wahrgenommen wie ein Flugzeugabsturz. Es lässt sich mittlerweile eine gewisse Routine beim Wahrnehmen von Schreckensmeldungen feststellen. Zumindest solange die eigene Sphäre davon nicht direkt betroffen scheint. - Die Terroranschläge von Brüssel und Paris sowie die Flüchtlingskrise zeigen, dass Menschen beginnen panisch zu reagieren, wenn ihr direktes Wahrnehmungsfeld betroffen ist. Da sich Zusammenhänge nur noch schwer herstellen lassen und Reizworte wie "Krise" oder "Anschlag" sehr schnell auf fruchtbaren Boden fallen, suchen viele Menschen nach einem rettenden Orientierungspunkt. Sie fühlen sich abgehängt und überfordert. Sie fühlen sich, als kümmerte sich niemand um ihre Belange, weil diese scheinbar nicht in den Medien auftauchen.

Deshalb verfangen einfache Antworten derzeit besonders gut. In ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika, entdecken die Menschen plötzlich ihren Nationalismus wieder. Es erscheint ihnen leichter die Welt auszuschließen und sich engstirnig den Gruppenzugehörigen zuzuwenden. 

In Zeiten der einfachen Antworten ist es umso wichtiger, dass Medien und Politik ihre Aufgabe gewissenhaft wahrnehmen und Zusammenhänge erklären. Die Verunsicherung vieler Menschen lässt sich nicht durch markige Sprüche oder noch mehr Informationen überwinden, sondern nur durch viel Zeit und die Fähigkeit zu erklären wie bestimmte Entscheidungen oder Ereignisse zustande kommen. Die einfachen Antworten der Nationalisten können gegen Sachlichkeit und Besonnenheit nichts ausrichten.


11 Mai 2016

Kommentar: Bewahrer der Menschenwürde.


Diesen Kommentar schrieb Autor Tobias Lentzler für die Bewerbung bei der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Er wurde in die Endrunde eingeladen, scheiterte dort jedoch. Das Thema des Kommentars lautete: "Journalisten müssen Haltung zeigen, für grundsätzliche Werte einstehen, Orientierung bieten, gerade in der heutigen Zeit. Das meinen die einen. Nein, sagen andere, wir brauchen keinen "Nanny-Journalismus", der zu jedem Geschehen, über das er berichtet, auch noch erklärt, was wir davon zu halten hätten. Und, was ist Ihr persönlicher Standpunkt in der Haltungsfrage?" - Ich war der Meinung, dass eine  funktionierende Demokratie meinungsstarke Journalisten braucht. 

  
Skandalversessen, manipulativ und bestechlich – so nahm eine Mehrheit der Deutschen laut einer Studie des Kommunikationswissenschaftlers Wolfgang Donsbach Journalisten wahr. Das war 2009. Spätestens seit dem vergangenen Jahr stehen alle Journalisten unter Generalverdacht, sie berichteten nicht wahrheitsgetreu, hielten gezielt Informationen zurück oder diktierten Meinungen. Diese Überzeugung gipfelt in dem diffamierenden Vorwurf „Lügenpresse“. – Die Berichterstattung der Medien kritisch zu hinterfragen, ist vollkommen legitim. So wie die Presse die Meinungsbildung erleichtern- und Machthaber kontrollieren soll, sollten Bürger die mediale Berichterstattung hinterfragen dürfen. Doch jeden Zeitungsartikel, jeden Fernsehbericht und jede Nachrichtenmeldung auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken infrage zu stellen und mit dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu überziehen, nur weil die ausgedrückte Haltung nicht in das eigene Weltbild passt, ist fadenscheinig und brandgefährlich. Eine funktionierende Demokratie ist auf Journalisten angewiesen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) sieht die Aufgabe und Verantwortung der Medien in der Achtung und dem Schutz der Menschenwürde eines jeden Einzelnen. Der deutsche Pressekodex erweitert das Berufsverständnis eines Journalisten um die Notwendigkeit, unbeeinflusst von persönlichen Interessen zu berichten. In bewegten Zeiten ist es jedoch unabdingbar, dass Journalisten ihre eigene Meinung in Kommentaren kundtun, um ihrer Aufgabe, die Menschenwürde eines jeden Bürgers zu wahren, nachzukommen. Selbstverständlich müssen in Berichten unterschiedliche und unangenehme Positionen zu Wort kommen. Jedoch dürfen Fremdenfeindlichkeit, Hetze oder Sexismus nicht ohne Einordnung verbreitet werden.

09 April 2016

Rezension: "Younger" von Jonas Alaska. - Ein verloren geglaubter Vertrauter.

Der norwegische Singer/Songwriter Jonas Alaska veröffentlichte am 08.April 2016 mit "Younger" ein durchweg erfrischendes Album. Einige Lieder eignen sich hervorragend als Untermalung eines Roadtrips durch Skandinavien. Seine musikalische Heimat Liverpool schwingt in jedem seiner Songs mit. 

Kaum sind die ersten zehn Sekunden von "Summer", dem Opener von Jonas Alaskas neuem Album "Younger" verklungen, stutzt man das erste Mal: Diese Stimme kommt einem doch verdächtig bekannt vor. Sie ist ein lange verloren geglaubter Vertrauter. Sie erinnert gerade in den höheren Lagen verdächtig an den großen John Lennon. Auch Alaskas Akkord-Muster, Rhythmen und auf das erste Hören unkomplizierte Songmuster, erinnern an Lennons Solo-Zeit. Vielleicht liegt es daran, dass Jonas Alaska seine musikalische Ausbildung am Liverpool Institute for Performing Arts erfahren hat. Die Hochschule wurde 1996 unter tatkräftiger Mithilfe von Ex-Beatle Paul McCartney, Lennons kongenialem Partner, ins Leben gerufen. Und nicht zuletzt ist Liverpool der Beginn der Beatles in den frühen sechziger Jahren.

Mit "Younger" veröffentlicht Jonas Alaska sein drittes Album seit seinem Debüt 2011. Es ist ein stimmiges, kurzweiliges, sehr unterhaltsames Album. Auf "Younger" schlägt er neben seiner akustischen Gitarre und bewährten Picking-Mustern immer öfter die E-Gitarre an und sorgt mit Background-Vocals und einer sehr guten Produktion für einen satteren Sound. Vor allem die Songs "Animal", "Astronomy" und "Paper Plane" überzeugen vom ersten Ton an. Stillstehen fällt danach schwer. Immer wieder spielt man die Songs im Kopfe durch. Nicht nur seine Stimme sondern auch die gefälligen, humorvollen und manchmal melancholischen Songs machen "Younger" hörenswert. Es geht ums Verlieben, um die eigene Schulzeit und die Ängste, die einen als Teenager dann und wann befallen. Wenn man die Augen schließt ist es gar, als liefen die eigenen Geschichten aus dieser Zeit vor einem ab. Nur dieses Mal mit einem passenderen Soundtrack und unterwegs in Skandinavien.

7/10

29 März 2016

Kommentar: Die SPD braucht ein neues Bad Godesberg.

Mit dem "Godesberger Programm", welches von 1959 bis 1989 als Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) fungierte, modernisierte sich die SPD und unternahm den Versuch sich als Volkspartei zu etablieren. Er gelang! Im Jahr 2016 bedürfte es abermals eines Grundsatzprogrammes, welches die Politik der Sozialdemokraten wieder von der Politik der CDU unter Angela Merkel abgegrenzt. Nachdem die SPD in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt einen gehörigen Bedeutungsverlust erlitten hat, muss die Partei sich neu erfinden, um ihrem Selbstbild als Volkspartei gerecht zu werden. - Viele SPD-Mitglieder haben Ideen wie eine solche Neuaufstellung aussehen müsste, allein eine gemeinsame Linie ist bisher noch nicht zu erkennen.

Die deutsche Sozialdemokratie hat mit dem "Godesberger Programm" von 1959 erstmals ihr Selbstverständnis neu definiert. Auf einem außerordentlichen Parteitag bekannte sich die Partei mit einer großen Mehrheit zu den neuen Grundzügen einer sozialdemokratischen Politik. Der so genannte "demokratische Sozialismus" wurde in dem Papier in sieben Kapiteln umrissen. Diese beinhalteten das Bekenntnis zu einer kapitalistisch verfassten Marktwirtschaft, im Wortlaut: "Wettbewerb soweit wie möglich - Planung soweit wie nötig!", zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sowie zur Landesverteidigung. Gerade die Bekenntnisse zur Landesverteidigung und zur Marktwirtschaft, verdeutlichen die Abkehr vom so genannten "Heidelberger Programm", welches zwischen den beiden Weltkriegen beschlossen wurde. Die SPD vollzog mit dem "Godesberger Programm", welches viele als Grundstein für die Kanzlerschaft Willy Brandts (und später Helmut Schmidts) ansehen, einen Wechsel von einer Arbeiterpartei hin zu einer für alle Bevölkerungsgruppen und Bildungsschichten wählbaren Volkspartei. 

Heute, so scheint es, gerät die Bezeichnung "Volkspartei" für die SPD immer mehr in Gefahr. Nicht bloß, weil die Partei in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg unter die 15-Prozent-Marke rutschte, sondern auch, weil sie im Bund seit Jahren bei knapp 24 Prozent stagniert. Zum Vergleich: Das beste Ergebnis der Parteigeschichte erzielte die SPD 1972. Damals erhielt sie nicht weniger als 45,8 Prozent der Zweitstimmen. 

Damit die älteste Partei Deutschlands weiterhin als gewichtige Stimme im politischen Diskurs wahrgenommen wird, bedarf es eines neuen Bad Godesberges. - Die SPD muss in einem neuen Grundsatzprogramm die Leitlinien für eine sozialdemokratische Politik des 21.Jahrhunderts darlegen. Wenn ein solcher Versuch gelingt, kann sie eine klare Alternative zu der von Angela Merkel geführten CDU bilden. Möglicherweise verschöbe dieser neue Ansatz einmal mehr das Parteienspektrum. Zumindest bestünde die Möglichkeit, dass die CDU sich wieder konservativer orientiert, was die Ausbreitung der AfD aufhalten könnte, und die SPD sich wieder als Mitte-Links-Partei verstünde. Ganz aufgeben sollte die SPD die Mitte nicht, denn schon Willy Brandt sagte: "Wahlen werden in der Mitte gewonnen". 

Innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gibt es vor allem Basis-Politiker, die sich mit einer Neuorientierung der Partei beschäftigen. Vor allem der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der zunehmend den konservativeren Flügel der Partei vertritt, steht immer wieder in der Kritik. - Gerade heute erschien in der "ZEIT online" ein Gastbeitrag des SPD-Mitglieds Yannick Haan. Er betont, dass die SPD vor allem dann gewählt worden sei, wenn sie überzeugende Antworten auf drängende Fragen der Zukunft gehabt hätte. Er will die Partei mithilfe der anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa neu organisieren. Am Beispiel Griechenlands illustriert er, wie machtlos die linke Politik einer Partei auf nationaler Ebene ist. Sie bedarf einer europaweiten Unterstützung. 

An Yannick Haans Beitrag ist vor allem hervorzuheben, dass er in Zeiten der wiedererstarkenden nationalistischen Strömungen, Europa und europäische Ideen in den Mittelpunkt stellt. Wenn die SPD ihr Bekenntnis zu grenzübergreifenden Werten und Strukturen ehrlich - und nicht bloß als Lippenbekenntnis - formuliert, so könnte in diesem Ansatz in der Tat eine "Perspektive", wie Haan schreibt, liegen. - Entscheidend scheint mir, dass die Sinnsuche nach einer zeitgemäßen linken, europäischen Politik, die Antworten auf drängende und zukünftige Fragen stellen muss und in der Lage ist eine Vision ihrer eigenen Politik zu entwickeln. Dies wäre von hoher Bedeutung für den Fortbestand der SPD als Volkspartei. - Eine Tatsache sollte der SPD Mut machen: Der große  Helmut Schmidt ließ zwar einst verlauten, wer Visionen habe, müsse zum Arzt. Jedoch war es der erste sozialdemokratische Kanzler Willy Brandt, der die SPD 1969 mit großen Visionen zum Wahlsieg führte.