12 März 2011

Hubertus Meyer-Burckhardt: "Alle brauchen User, Leser, Marken"

Das Interview mit dem Fernsehproduzenten, Uni- Professoren und NDR- Talkshowgastgeber Hubertus Meyer- Burckhardt findet im Juni 2010 auf dem Gelände des „Studio Hamburg“ in Hamburg- Jenfeld statt. In einem nicht benutzten Büro mit Oberlicht empfängt mich seine Sekretärin sehr liebenswert mit Kaffee und Wasser. Dann kommt Hubertus Meyer- Burckhardt. Er entschuldigt sich für seine Verspätung (keine fünf Minuten) und wirkt ein wenig gestresst. Dennoch nimmt er sich viel Zeit für die Beantwortung meiner Fragen.


Tobias Lentzler: Herr Hubertus Meyer- Burckhardt- empfinden Sie sich als „kulturschaffend“?

Hubertus Meyer- Burckhardt: Ein Filmproduzent kann manchmal Filmkultur schaffen. Wenn Sie ein Roger Willemsen Buch verfilmen (Kleine Lichter mit Franka Potente in der Hauptrolle) und das gut machen, dann kann das eine gewisse Kulturdimension bekommen. Wenn Sie aber eine Firma von der Größe der POLYPHON am Leben erhalten wollen, dann müssen Sie auch Unterhaltung machen. Aber auch Unterhaltung kann Kultur sein. Die Aufgabe des Fernsehens ist ja nicht zunächst Anspruch- sondern Unterhaltung.
Was ist eigentlich Anspruch? Anspruch bedeutet, dass ich ein Thema mit Ernsthaftigkeit behandle. Will ich das Samstagabend immer sehen? Eine Dame oder ein Herr, die den ganzen Tag gearbeitet haben, wollen abends  keinen Anspruch haben. Das finde ich auch nachvollziehbar.
Wenn die Leute alle Anspruch wollten, so hätten Arte oder 3sat nicht den geringen Marktanteil, den sie leider haben. Die Leute sagen immer sie wollen Anspruch- aber ihr Sehverhalten ist ein völlig anderes.

Tobias Lentzler: Als Produzent einiger sehr erfolgreicher Serien wie z.B. „das Traumschiff“ oder „Sperling“ müssen Sie sich doch bestimmt auch manchmal Kritik an der Mittelmäßigkeit dieser Sendungen gefallen lassen- zumal Sie auch Produzent von dem Hochgelobten Drama „Das Urteil (1998)“ waren. Wie gehen Sie damit um?

Hubertus Meyer- Burckhardt: Ich wehre mich entschieden dagegen, dass „das Traumschiff“ als mittelmäßig bezeichnet wird. Es ist mit die erfolgreichste Fernsehunterhaltung, die Deutschland hat! Das gelingt mit Drehbüchern, die pro Folge drei Spannungsbögen haben und tollen Darstellern- Harald Schmidt und Ben Becker zum Beispiel. Schreiben Sie erstmal solche Drehbücher!

Tobias Lentzler: Sie sind Professor an der „Hamburg Media School“, Leiter der Polyphon und Gastgeber der NDR- Talkshow. Empfinden Sie einen dieser Berufe als wahre Berufung oder sind es wohlmöglich alle drei?

Hubertus Meyer- Burckhardt: Der Produzent ist eindeutig die Berufung. Die NDR- Talkshow macht mir wahnsinnig viel Spaß, aber wenn Sie fragen, wie sich das vereinbaren lässt, einmal alle zwei Wochen- das ist kein Hexenwerk! Die Professur macht mir natürlich viel Freude.

Tobias Lentzler: Wohin führt der Weg des Fernsehens? Ist es ein altes, bald vergessenes Medium geworden oder hat es noch eine Zukunft? - Roger Willemsen bezeichnet das Fernsehen nämlich bereits als „totes Objektiv“.

Hubertus Meyer- Burckhardt: Wenn Sie fragen, wohin der Weg des Fernsehens führt können sie auch gleich fragen: 'Wohin geht der Weg des Kiosks'. Das kann Ihnen niemand beantworten.
Georg Kofler (Anm. d. Autors: Manager und Unternehmer) hat einmal einen schönen Satz gesagt: „Das Fernsehen der Zukunft macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.“ - Das macht der Kiosk aber auch.

Tobias Lentzler: Wie sehr beeinflusst das Internet das Fernsehen?

Hubertus Meyer- Burckhardt: Das Internet ist eine Komplementärfarbe zum Fernsehen. Diese beiden Medien werden sich sicherlich miteinander befruchten. Die Chancen sind mannigfaltig. Die Nachteile des Internets sind bestimmt, dass es immer mehr zielgerichtet gebildete Leute gibt. Sie wissen genau was sie bei google eingeben müssen. Aber dadurch geht die vielfältige Bildung verloren!
 Zeitung lesen ist dagegen eher wie flanieren. Ich lese eben und schaue- ach guck mal- die Wirtschaft in Südkorea ist so. Das hätte ich nie in ein Suchfeld eingegeben.
Das Internet führt also zu mehr punktueller Bildung und weniger Allgemeinwissen. -
Zeitungen bleiben aber definitiv für ein bestimmtes Publikum erhalten; selbst wenn die Tortenstücke immer kleiner werden. Aber die „Zeit“ unter Giovanni di Lorenzo macht jedes Jahr mehr Auflage. Der Spiegel liegt immer noch über eine Millionen Exemplare pro Ausgabe. Auch die Regionalpresse blüht nach wie vor.
Ich glaube es wird interessant sein sich anzuschauen, wie Internet, Zeitung, Film und Fernsehen koexistieren.
Wer weiß, vielleicht kauft google ja eines Tages einen großen deutschen Zeitungsverlag. Die brauchen alle Inhalte- User, Leser, Marken!

Tobias Lentzler: Was würde im TV von heute noch einen Skandal auslösen? Im deutschen Feuilleton reichte es ja Helene Hegemann, die Jungautorin von „Axolotl Roadkill“ des Plagiats zu bezichtigen.

Hubertus Meyer- Burckhardt: Ob die Plagiatsvorwürfe um Helene Hegemann skandalös sind liegt ja vor allem im Auge des Betrachters. Das was für Sie ein Skandal ist, ist für ihren Nachbarn, der sich für Frau Hegemann nicht interessiert, uninteressant. Natürlich wird es in Zukunft Skandale geben, weil Menschen es lieben, Skandale zu lesen. Zeitungen und Online- Portale freuen sich natürlich über so etwas, weil das mehr Nutzer, Leser und User bringt. So lange die Menschen sich darüber unterhalten, wer hier in der Firma ein Verhältnis mit wem hat, wird es Skandale geben. Online kann jeder eben mal- offene Portale verleiten zu Skandalmeldungen.

Tobias Lentzler: Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Meyer- Burckhardt.

Hubertus Meyer- Burckhardt: Gern geschehen.