29 Januar 2013

Das Siechtum des Altherrenwitzes. - Ein Kommentar.


Seit Tagen wird in Deutschland der "Fall B." heftigst diskutiert. Dabei geht es längst nicht mehr um einen Einzelfall - es geht um die Frage ob Deutschland fähig ist eine Debatte über Sexismus angemessen zu führen. Ein Kommentar von Tobias Lentzler.

Mit lüsternen Augen gafft ein Mann mittleren Alters die Kellnerin eines Eiscafés an während diese routiniert wie immer die Bestellung des Herrn aufnimmt. Solche Szenen sind in Deutschland leider noch immer tägliche Realität. Männliche Augenpaare wandern von Dekolleté zu Dekolleté und von Hintern zu Hintern. Ab und zu greifen sie danach, manchmal reicht ihnen ein zotiger Spruch um sich anschließend genüsslich zurückzulehnen und sich wieder sich selbst zu widmen. Ob in der U-Bahn, im Café oder Restaurant, im Büro oder in den Fußgängerzonen; Sexismus und Frivolität kennen keine festen Grenzen. Ihnen zu entgehen ist praktisch unmöglich. Seit Tagen wird in Deutschland nun der so genannte „Fall B.“ (wahlweise auch „Fall H.“) diskutiert. Eine Journalistin wirft Herrn B. vor, er habe sich ihr gegenüber unflätig verhalten. Ob sie es wollte oder nicht, in den Feuilletons und auf den Straßen, in den Friseursalons und am Stammtisch hat sie mit ihrem Artikel eine überfällige Debatte über Sexismus in Deutschland losgetreten. Schon längst geht es nicht mehr um einen „Fall B.“ sondern um die Frage wo die Trennlinien zwischen Sexismus und Spannerei, zwischen gewollter Provokation und blanker Unwissenheit liegen. Sich als Mann zum Thema Sexismus zu äußern scheint vielen sehr schwer zu fallen. Entweder nehmen die Herren eine radikale Verteidigungslinie ein oder sie werden ausfällig. So ist es Ulf Poschardt geschehen, der dem „Stern“ in dem der Artikel über Herrn B. zu lesen war, vorwarf es sei eine „Godard-Pointe“, dass gerade dieses Magazin, welches den „weiblichen Körper gern in seiner nacktesten Form zum Verkauf anbietet“ diese Debatte hatte beginnen müssen. Was haben die Titelseiten des „Stern“ mit einer inzwischen wesentlich breiter geführten Debatte über Sexismus zu tun? Es scheint  hierzulande nicht möglich zu sein wichtige Themen ohne ein Fallbeispiel zu erörtern. Sexismus ist hierbei bloß das aktuellste Beispiel. Die Frage wo die Grenzen des guten Geschmacks und der Anfang des siechen Altherrenwitzes liegen, muss nun endlich einmal zu Ende geführt werden! Sich hinter einen „Stern“-Artikel zurückziehen und ihn bis in die letzte Pore zu analysieren oder die Journalistin beziehungsweise den Herrn B. zu beleidigen, kann nicht das eigentliche Ziel sein. Es wird Zeit, dass Sexismus und seine Ausformungen auf Augenhöhe und ohne Anfeindungen zwischen Männern und Frauen diskutiert werden.

Anmerkung: Am 31.01.2013 erschien in der "Berliner Gazette" eine stark erweiterte Ausgabe dieses Kommentars. http://berlinergazette.de/sexismusdebatte-aufschrei/