12 Mai 2013

Vom Aufstieg und Fall zweier Künstlerseelen. - Rezension zu: "Geliebter Lügner".

George Bernard Shaw und Stella Patrick Campbell schrieben über vierzig Jahre Briefe aneinander. Sie formten ihre Gefühle mit Worten, begeisterten und verfluchten einander und vergaßen niemals, dass diese Briefe eines Tages an die Öffentlichkeit gelangen würden. Am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg ist noch bis zum 18.05. die herausragende Brief-Adaption "Geliebter Lügner" von Jerome Kilty sehen.

Zugegebnermaßen - ganz taufrisch ist das Stück "Geliebter Lügner" von Jerome Kilty, der 1922 geboren wurde, nicht mehr. Seit mehr als fünf Jahrzehnten wird es die Bühnenwelt hinauf- und heruntergespielt, verliert jedoch nie an seiner Wortgewalt, seinem Witz und seiner Tragik. Dass liegt nicht nur daran, dass Kilty es versteht die Briefe von dem großen irischen Dramtiker George Bernard Shaw (am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg gespielt von Peter Franke) und der Ende des 19.Jahrhundert als große Schauspielerin gefeierten Stella Patrick Campbell (herausragend besetzt mit Thekla Carola Wied) klug auszuwählen und ihnen erklärende oder bonmonthaltige Dialoge beizufügen, sondern auch daran, dass Shaw und Campbells Briefe Meisterwerke sind. Ist Shaw oft der von seinem eigenen Ruhm besessene und zutiefst eitle Grantler mit Witz, schreibt Campbell oft das Innerste ihrer Künstlerseele an ihren Brieffreund.

Die Besonderheit der Beziehung zwischen Campbell und Shaw wird an diesem Abend im Ernst-Deutsch-Theater brillant herausgearbeitet. Thekla Carola Wied und Peter Franke sitzen zumeist an ihren Schreibtischen, die am linken beziehungsweise rechten Rand der Bühne stehen und lesen die Briefe aneinander laut vor. Dass dieses zunächst einfallslos wirkende Regiekonzept von Wolf-Dietrich Sprenger fabelhaft aufgeht, wird erst deutlich, wenn Franke oder Wied sich vor Empörung von ihren Schreibtischen erheben, einander am Theater treffen oder die Briefe mit aussagekräftigen Videoprojektionen unterlegt werden. Franke und Wied scheinen auf der Bühne um Jahrzehnte zu altern - so wie es Campbell und Shaw in ihrer über vierzigjährigen Brieffreundschaft taten. Shaw steigt zu Weltruhm auf, erhält im Jahr 1925 den Literaturnobelpreis und 1939, ein Jahr vor Stella Patrick Campbells Tod in Frankreich, einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch, während Campbell, einst gefeierte Schauspielerin und Broadway-Star unter ihrem Alter leidet und immer weniger von ihrem einstigen Ruhm leben kann. Oft wird sie krank und stirbt mehr oder weniger mittellos.

Shaws und Campbells Briefe machen diese Entwicklung nur unterschwellig deutlich. So klar und gewitzt, so harsch und bestechend die Schriftstücke formuliert sind, ist es für den Zuschauer ein Akt der geistigen Mitarbeit nachzuvollziehen in welchen Lebenssituationen sich die beiden Schöpfer dieser Briefe zum jeweiligen Zeitpunkt befanden. Kilty löst das in seinem Stück mit Jahreszahlen, die immer wieder beiläufig vorgetragen werden.

War Stella Patrick Campell für den älteren George Bernard Shaw am Anfang ein Vorbild und eine Muse (sie inspirierte ihn zu seinem weltweit bekannten Stück "Pygmalion" und war in einem post-viktorianisch verklemmten Großbritannien sein Objekt der Begierde), so wird Shaw über die Jahre immer mehr zu Campbells Vorbild. Sein Erfolg und seine Lebensfreude, seine Gedanken und sein Talent zum Schreiben begeistern sie. "Geliebter Lügner" und "Clown" nennt sie ihn in ihren Briefen, schwärmt und giftet ihn an, verflucht ihn, um ihn gleichzeitig wieder sehnsüchtig herbeizurufen.
In Kiltys Stück wird der Zuschauer Teil einer komplizierten und herzzereißenden Liebesgeschichte. Es sind Briefe wie sie nur die Leidenschaft und Getriebenheit zweier Künstlerseelen schreiben können. So sehr nehmen einen die Gedanken der beiden mit.

Dass das Ernst-Deutsch-Theater am 10.05. zwei Gebärdendolmetscherinnen engagierte und das Stück simultan übersetzen ließ, ist neben einem gelungenen Theaterabend eine weitere glückliche Erinnerung, die den Zuschauern, die daheim bestimmt nach Federkiel, Tinte und Papier suchen werden, im Gedächtnis bleibt.

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmals am 10.05.2013 auf livekritik.de