21 Januar 2014

Pop ist jetzt! - Gedanken zum Hype um Julia Engelmanns Poetry Slam-Viral.

Tja. Da hat Deutschland den ersten Internet-Hype 2014: Julia Engelmann. Eine junge Psychologie-Studentin, die im Mai 2013 beim 5.Bielefelder-Hörsaalslam auftrat, wird zunächst von stern.de und anderen großen Online-Magazinen in den Himmel gelobt bis die Lobhudeleien in Kritik umschlagen.
Was ist da los? 

Julia Engelmann ist jung. Aber immer noch ein Jahr älter als ich. Julia Engelmann ist Studentin. Genau wie ich einer bin. Julia Engelmann textet. Ich auch. - Das tun viele andere auch. Nur sie hat mit ihrem Auftritt auf dem 5.Bielefelder-Hörsaalslam einen Hype ausgelöst, der in dieser Form seinesgleichen sucht. - Irgendwann Mitte Januar 2014 fand ich in meiner Facebook-Timeline immer wieder ein und dasselbe Youtube-Video: "5.Bielefelder Hörsaal-Slam-Julia Engelmann-Campus TV 2013". Wie das so ist, wenn ein Video mehrfach geteilt wird, klickt man es irgendwann selber an. Vor mir tat sich eine recht gewöhnliche Poetry-Slam-Bühnensituation auf. 

Julia Engelmann, die Slammerin, die in den nächsten Tagen so hochgejubelt werden sollte, trat in einer mit Glitzersteinchen besetzten Jeansjacke, einem lilafarbenen T-Shirt und einer blauen Hose zu Saxofon-Musik und Applaus auf. Sie wirkte bühnenerfahren und brach binnen Sekunden mit einigen Lachern das Eis. Soweit so gut. Das hatten viele Poetry Slammer vor ihr gezeigt. Das war nichts ungewöhnliches. - Der Hype um das Video entwickelte sich, weil sie sich Gedanken zu ihrer Generation machte. Das Lied "One Day/Reckoning Song" und vor allem die Zeile "One day baby we'll be old/ oh baby we'll be old/ and think of all the stories that we could have told" boten ihr die Grundlage für ein paar sehr grundsätzliche Gedanken zu ihrer und somit auch zu meiner Generation. Das Leben im Konjuktiv, das nostalgische Geseufze: "Hätte ich, ach hätte ich doch bloß..." und der Wunsch etwas zu erreichen, umtreiben diese Generation laut "der klugen Frau Engelmann" wie Spiegel Online sie auf Facebook in einem Post nannte. 

Tja. Ich möchte das nicht bestreiten. Viele von uns leben ihr Leben bloß in Traumblasen, die zerplatzen sobald Arbeitsaufwand, Realität oder notwendiger Tatendrang uns im Wege stehen. Viele grübeln und denken zu viel nach, viele harren der Dinge und wundern sich, dass sie sich nicht von selbst verändern. Aber: Das ist nicht sonderlich wichtig. Es geht nicht darum wie ich eine Generation beschreibe, wie ich sie charakterisiere, wie ich versuche sie zu illustrieren. Das sollen Generationen nach uns tun. Wenn wir alt sind. Oder schon lange vergangen. - Julia Engelmann legt ihren Text als klassische pop-romanhafte Zustandsbeschreibung an - und scheitert. Wie so viele vor ihr. Ob Florian Illies mit "Generation Golf", all die Benjamin von Stuckrad-Barre Bücher (mit Ausnahme seines legendären "Soloalbums") oder Helene Hegemann mit "Axolotl Roadkill". Das ist nicht ihre Schuld. Es ist auch nicht die Schuld unserer Generation oder irgendeiner anderen vorangegangenen. Es ist die schlichte Tatsache, dass Pop, also das aktuelle, das jetzige, das allgegenwärtige, nicht so beschrieben werden kann wie viele Autoren es sich vorstellen. Bernd Begemann, der aus meiner Sicht einzige wirkliche deutsche Pop-Chronist unserer Zeit, hat in einem Interview mit mir einmal gesagt: "Pop ist jetzt!" - Das charakterisiert den Pop für mich seither. 

Pop nimmt sich nicht allzu ernst. Genauso wie Bernd Begemann seine Texte nicht mit Ernsthaftigkeit überlädt. - Popromane werden oftmals mit der falschen Intention geschrieben. Sie wollen eigentliche Generationen-Romane (siehe Thomas Mann) sein und etikettieren sich aus Angst vor dem Scheitern daran schlichtweg in "Poproman" um. - Julia Engelmann ist ohne Zweifel eine talentierte Poetry Slammerin. Sie hat eine angenehme Stimme, verwendet coole Metaphern und hat eine Bühnensouveränität, die viele andere Slammer noch entwickeln müssen. Aber sie wurde von stern.de, Spiegel Online und all den anderen großen deutschen Magazinen zu einem Hype und als "Sprecherin ihrer Generation" erklärt. - Die Wut vieler aus "dieser" Generation und vielleicht auch etwas älteren Semester erklärt sich mir nur wie folgt: Neid, Unbeholfenheit und die Suche nach den richtigen Worten lassen am Ende bloß eine wütende Reaktion zu. - Wie soll man erklären warum dieses Video uns trifft und gleichzeitig nicht für uns steht? Wie soll man begreifen, dass ein Video von einer jungen Frau so gefeiert wird? Und wie erklärt man sich, dass sie manchmal verdammt noch einmal recht hat? - Ja. Eines Tages werden wir alt sein und auf die Dinge zurückschauen, die wir hätten tun können. Aber das war immer schon so. Das ist nicht Pop. Das ist nicht jetzt. Das ist: nur allzu menschlich! 

02 Januar 2014

Gedanken zum Jahresanfang: Lasst den Quatsch!

Nein, 2013 war nicht vieles anders als in den Jahren davor. Es ereignete sich mehr oder weniger wichtiges, politisch brisantes bis vollkommen irrelevantes. Bloß das Tempo in welchem wir leben und somit auch der Effizienzgedanke nehmen kontinuierlich zu. Lasst den Quatsch in 2014!

Gehören Sie zu jenen die ächzen und stöhnen, wehklagen und jammern: „Das Jahr 2013 ist so schnell vergangen, unsere Erde dreht sich immer schneller, es bleibt einfach keine Zeit mehr für höhere Interessen, Hobbys oder den Partner.“? – Wenn Sie sich auch nur einem dieser Klagelieder zuordnen können, gehören Sie zur Mehrzahl der Deutschen, die sich im Hamsterrad des Fortschritts befinden. Es muss immer weiter gehen, jeden Tag, Stund um Stund. Effizienz! Das ist das wahre Wort des Jahres 2013. –
Nein, ich bin kein Fortschrittsgegner (Was für ein bescheuertes Wort): Fortschritt, also das Fortschreiten der Zeit gehört zum Sein wie das Atmen zum Leben - ich versuche bloß Schritte zu hinterfragen bevor ich sie gehe. Tut es wirklich Not, meine E-Mails fünfundachtzig Mal am Tag zu überprüfen? – Einen Menschen, der fünfundachtzig Mal am Tage zum Briefkasten rennt, würde mit Sicherheit nicht nur ich für verrückt oder zumindest äußerst merkwürdig erklären. – Natürlich werden Sie mir jetzt mit Sicherheit vorhalten, dass es aus rein ökonomischen, firmenpolitischen oder „zeitmanagementtechnischen“ Gründen absolut unmöglich sei, seine elektronische Post bloß einmal am Tag abzurufen. – 
Lassen Sie den Quatsch! - Es mag sein, dass einmal am Tag bei der heutigen Flut an Informationen, Werbung, Bestellbestätigungen, Spam und Geschäftspapieren wirklich zu wenig ist, aber zumindest sollten Sie nach Feierabend, Dienst- oder Schulschluss bedenken, dass es neben der Datenwelt auch noch eine Welt des Seins, des Lebens, der Sinnlichkeit oder der Freundschaft gibt. Firmen wie VW denken ernsthaft darüber nach E-Mails an MitarbeiterInnen, die nach Feierabend eintreffen, nicht nur nicht zu beantworten, sondern überhaupt von den Servern des Konzerns zu löschen. Wer wirklich etwas will, der soll sich gefälligst in den Bürozeiten an das Unternehmen wenden. Eine zukunftsweisende Idee, wie ich finde. Sie spart den ArbeiterInnen am nächsten Morgen die Flut an E-Mails erst einmal zu durchkämmen oder zu beantworten und verhindert zusätzlich, dass MitarbeiterInnen auf ihrem Smartphone noch in den Feierabendstunden Firmen-E-Mails lesen. – 
Allein diese Tatsache gibt einige Minuten des Abends frei. Es bleibt mehr Zeit sich seiner Familie, seinen Kindern, seiner Musik oder Leidenschaft zu widmen. Stress lässt sich ausblenden, Freiraum gewinnen. – Wenn man jeden seiner Lebens-, Tätigkeits- und Schaffensbereiche überprüft, ob das was man dort tut wirklich notwendig ist (Wie oft am Tage prokrastinieren Sie bei Facebook, Twitter und Co.?), kann man eine Menge Zeit sparen. Und das ganz ohne den Druck der Effizienz im Rücken! – Fünfe gerade sein lassen, in den Tag hinein leben, die Zeit nehmen wie sie kommt, das wünsche ich Ihnen, die Sie schon jetzt Termine bis Mitte 2014 in Ihren Kalender eingetragen- und den Sommerurlaub schon reserviert haben. Und natürlich wünsche ich es auch mir: Denn natürlich quillt auch mein Terminkalender als Student mal wieder völlig über.

Anmerkung: Möglicherweise wird der Artikel in ähnlicher Form Anfang 2014 auch in der "Berliner Gazette" erscheinen.