26 April 2015

Kommentar: Die Grenzen in unseren Köpfen. - Zur aktuellen Lage im Mittelmeer.

Innerhalb weniger Tage sind viele hundert Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen. Auf kleinen Nachen, zusammengepfercht zu Hunderten, haben sie ausgeharrt und die Ankunft in Europa erwartet. Selbst wenn sie hier angekommen wären, hätte sie Schikane und Abweisung erwartet. - Die europäische Idee von Gleichheit und Solidarität, offenen Grenzen und Verbundenheit unter den Völkern ist in Gefahr. Die Grenzen sind nicht bloß physisch. Sie sind auch in unseren Köpfen.


Das Leid der vielen hundert Menschen, die vor Krieg und Armut, Elend und Tod aus ihrem Land geflohen- und im Mittelmeer ertrunken sind, ist unvorstellbar. Die Fernsehbilder von vollends entkräfteten Frauen, Kindern und Männern, die gerettet werden, gehen um die Welt. Ebenso wie die unruhigen Wogen des Mittelmeers. Dieses wurde in der letzten Woche ein Grab für mehr als tausend Schiffbrüchige. 
Es ist nicht das erste Mal, dass Flüchtlinge im Mittelmeer - irgendwo zwischen Afrika und Europa - ertrinken. Doch nun langsam, viel zu langsam kommt eine Debatte in Gang, die schon viele Monate, ja Jahre vorher hätte geführt werden müssen. Wie können wir die Einreise von Flüchtlingen nach Europa einfacher gestalten, wie können wir gewährleisten, dass Menschen, die vor Leid und Tod fliehen, hier in Europa die Hilfe erhalten, die sie dringend nötig haben? - Sicher nicht durch weitere Grenzziehungen, die Stärkung von FRONTEX oder einen härteren Kampf gegen die Schlepper, die die Flüchtlinge zu Hunderten auf kleine Boote pferchen. 

Dass die Welle an Flüchtlingen nach Europa nicht abreißt, ist ein Fakt. Grenzen in unseren Köpfen verhindern einen humanen Umgang mit den Hilfesuchenden. Zwar gibt es viele Einzelkämpfer, die Flüchtlinge in Europa willkommen heißen, sich darum kümmern sie in unser Leben zu integrieren, doch gibt es auch die Unverbesserlichen, die Starrköpfe und Dummschwätzer, die darin eine Gefahr für Europa sehen. Welche, das bleibt ihr hässliches Geheimnis. 
Wenn Europa ein Friedensprojekt mit Vorbildcharakter bleiben will, ein Staatenbund der Offenheit und Demokratie, so können wir Hilfesuchenden nicht einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. Jeder Staat muss Flüchtlinge aufnehmen. Allein aus einer moralischen Verpflichtung heraus! Es darf nicht sein, dass im 21.Jahrhundert Menschen jämmerlich im Mittelmeer ertrinken und wir zuschauen, kurz betroffen in die Runde blicken, dann mit den Schultern zucken und sagen: "Was kann ich dafür? Für Hilfe ist Brüssel verantwortlich." 

Jeder von uns kann helfen, diesen Missstand zu beseitigen. Sei es darüber zu schreiben, zu spenden oder selbst vor Ort zu helfen. Wir müssen zusammenstehen und solidarisch handeln. Angst ist dabei unser schlimmster Feind. Wir können sie nur durch die Begegnung mit Flüchtlingen, also Hilfesuchenden, Menschen in einer Notsituation, überwinden.