20 Dezember 2015

Rezension: "Eine kurze Liste mit Forderungen" von Bernd Begemann und Die Befreiung. - Das Leben in Miniaturen.

Bernd Begemann ist so etwas wie der - nie ganz in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückte - Tausendsassa des deutschen Pop. Mit seinem neuen, 28 Titel starken Album "Eine kurze Liste mit Forderungen" durchstreift er einmal mehr dieses merkwürdige Deutschland und lädt ganz beiläufig Alltagsbeobachtungen mit Bedeutung auf. 

Bernd Begemanns Lieder sind Miniaturen. Alle erzählen sie in einem möglichst beiläufigen Ton von alltäglichen Begegnungen und Gegebenheiten, besingen Sehnsüchte und Fantasien, schwärmen von hübschen Mädchen, lassen auch die Dramatik des Alltags nicht unerwähnt und sind am Ende doch immer ein kurzer Moment des Glücks im Ohr des Hörers. 

Der gebürtige Ostwestfale, der mit seiner Band "Die Antwort" als stilprägend für die "Hamburger Schule" galt, ist ein rastloser Musiker, der pausenlos durch die Lande tourt und in den kleinsten Klubs jeder noch so kleinen Stadt vor auch nur ein paar zahlenden Zuschauern spielt. In einem Interview mit mir hat er das mal so zusammengefasst: "Ein Sänger sollte singen." - Genau das tut er. Schon über mehrere Jahrzehnte hinweg. Seine Musik lebt immer von einer sehr markant und eigenwillig gespielten E-Gitarre, die einen hohen Wiedererkennungswert hat, großen Refrains und Songtexten, die irgendwo zwischen Tragik und Humor zu verorten sind. Dann und wann sind seine Lieder dem reinen Schlager sehr nahe, dann wieder zaubert er eine Indie-Nummer vom Feinsten aus dem Hut. - Diese Mischung, die er seit einigen Jahren mit seiner großartigen Band "Die Befreiung" noch verfeinert hat, macht Begemann zu einer deutschen Pop-Institution. Wer unser Land verstehen will, sollte Bernd Begemann hören.
Sein neues Album "Eine kurze Liste mit Forderungen" ist einmal mehr ein Beweis für die einzigartige Stellung, die Bernd Begemann im deutschen Pop hat. Ohne dass man es ihm übel nehmen könnte, besingt er Frankfurts Skyline ("Die besoffene Fahrerin") oder poltert: "Mehr als Erfolg brauch' ich das Gefühl, euch weiterhin alle scheiße finden zu dürfen!"
Ein wirkliches Kleinod ist der Song "Jeden Abend sagst du sowas", der einem Gefühl nachgeht, das jeder von uns irgendwann einmal erlebt hat. Das langsame Entschwinden des Partners durch Worte und Taten - meistens in Momenten größtmöglicher Nähe.
Der Song "Sie fuhr einen lila Twingo" wartet mit der Feststellung auf: "So oder so ist alles vorbei!" Er ist eine gut getarnte Sozialkritik. Ein Ausbildungsplatz oder ein Studium schreiben einem einen doch recht linearen Lebensweg vor, dem man nur mit großer Mühe entfliehen kann. - Alles in allem ist Bernd Begemanns neues Album ein abwechslungsreiches Album, voller Anspielungen auf gesellschaftliche Zustände, die er mit Mitteln des Schlagers, der Indie-Hymne oder gospelartigen Chören, zu beschreiben sucht. 

"Eine kurze Liste mit Forderungen" ist - wenn man so will - eine soziologische Zustandsbeschreibung, ein Album aus der Beobachterposition heraus. Manch einer mag sich fragen, was Bernd Begemann eigentlich genau fordert, was ihn bewegt hat genau diese Phänomene zu beschreiben oder zu besingen. Manch anderer wiederum wird sich fragen, ob das Album wirklich als Zustandsbeschreibung anzusiedeln ist oder einfach nur das soll, was es tut. Verdammt viel Spaß machen! 
Denn so oft man sich von Begemann ertappt fühlt, so oft muss mein einfach nur herzlich lachen.

7,0 von 10