14 November 2016

"Money Makes the World Go Round" - Der Volkswirt Thomas Mayer im Interview.

Thomas Mayer war bis 2012 Chefökonom der Deutschen Bank bevor er zwei Jahre später sein Buch "Die neue Ordnung des Geldes" veröffentlichte, welches die Frage nach einem alternativen Verständnis unseres Geld- und Währungssystem stellt. Im Interview mit kulturlog spricht er über die Krise der Deutschen Bank, seine Vision von der Zukunft des Geldes, die Geschwindigkeit im Bankwesen und seine Arbeit als Professor an der Universität Witten/Herdecke. Das Interview fand im November 2016 per E-Mail statt. 

Herr Prof. Dr. Mayer, die Deutsche Bank – jenes Unternehmen für das Sie bis 2012 als Chefvolkswirt tätig waren – befindet sich derzeit in einer schweren Krise. Stellen Sie sich vor Sie müssten einem Menschen auf der Straße davon berichten: Worin liegen die Ursachen der Krise und welche Chancen könnten sich aus ihr ergeben?

Das Problem ist, dass der sprichwörtliche Mensch auf der Straße mit einer genauen Analyse der Lage überfordert ist. Deshalb macht er lieber „die Gier der Banker“ für alle Probleme verantwortlich. Das versteht jeder. Aber es wäre zu schön, wenn es so einfach wäre. Dann könnte man die gierigen Banker ja einfach durch nette Banker ersetzen und alles wäre gut. Die wirklichen Probleme der Deutschen Bank kommen von dem notwendigen, aber verpatzten Einstieg ins Investmentbanking. Warum war er notwendig? Weil die deutsche Industrie, die Kernkundschaft der Deutschen Bank, eine Bank für ihre Kapitalmarktgeschäfte brauchte. Warum wurde er verpatzt? Weil dem Management der deutschen Bank die Eingliederung der zugekauften Investmentbanken und –banker misslang und es über diese die Kontrolle verlor.


Zunächst eine allgemeine Frage: Was macht das Bankwesen für unsere Wirtschaft so wichtig?

„Money makes the world go round“. Diesen Song aus dem Musical Cabaret kennt jeder. Und die Banken drehen nicht nur das große Geldrad, sie produzieren auch unser Giralgeld, die wichtigste Geldform. Eine wichtigere Funktion für die Wirtschaft kann es kaum geben.


Was ist Ihre Vision von der Zukunft des Geldes und der Banken?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es keine gute Idee ist, das Geld von den Banken produzieren zu lassen. Das sollte allein Zentralbanken vorbehalten sein, wobei ich mir auch private Zentralbanken und Wettbewerb zwischen diesen und den öffentlichen vorstellen kann. Die Geschäftsbanken sollten sich um die Abwicklung des Zahlungsverkehrs und die Herstellung der Verbindung zwischen Sparern und Investoren zu deren gegenseitigem Nutzen kümmern. So steht es zwar in jedem Lehrbuch, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.


Viele Menschen misstrauen Banken und zum Teil auch Bankern. Wie kann man in Zeiten ohnehin erodierenden Vertrauens eben dies zurückgewinnen?

Durch Offenheit und Ehrlichkeit. Die Leute müssen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, was die Banken machen und wie sie ihr Geld verdienen. Die meisten „Experten“ scheuen aber vor einer Erklärung zurück, zum einen weil sie das System so kompliziert gemacht haben, dass sie es selbst kaum mehr verstehen, zum anderen, weil sie ihr Wissen als „Herrschaftswissen“ betrachten, das sie nicht weitergeben wollen, weil sie fürchten, dadurch eigene Vorteile zu verlieren.


Wie wichtig ist Geschwindigkeit im Bankwesen bzw. der Wirtschaftswelt und welche (positiven) Auswirkungen hätte „Entschleunigung“?

Abgesehen von dem gesamtwirtschaftlich nutzlosen oder sogar schädlichen High-Frequency-Trading leidet das Bankwesen nicht an überhöhter Geschwindigkeit. Im Gegenteil, manchmal wundert es einen, wie lange eine Überweisung immer noch dauern kann und wieviel sie dann kostet. Künftig wird der Zahlungsverkehr schneller und billiger abgewickelt werden, wenn Eigentumsübertragungen mit Hilfe der Blockchain-Technologie erfasst werden.


Der Euro könnte vor einer neuen Zerreißprobe stehen. Was genau geschieht derzeit in Italien und wie verhindert man dort eine folgenschwere Bankenkrise?

Seit rund einer Dekade stagniert die italienische Wirtschaft, weil es das Land nicht geschafft hat, sich an den Euro anzupassen. Die wirtschaftliche Stagnation hat viele Kredite schlecht werden lassen und die Banken geschwächt. Gegenwärtig wird das Land nur noch mit Finanzhilfe der EZB in der EWU gehalten. Ohne den Ankauf italienischer Staatsanleihen durch die EZB hätten wir schon längst eine neue italienische Schuldenkrise. Da ich keine Hoffnung habe, dass das Land mit einer festen Währung in der Tradition der D-Mark leben kann, muss eben der Euro die Eigenschaften der Lira annehmen. Die EZB tut dafür ihr Möglichstes: Sie hätte gerne eine höhere Inflation und eine schwächere Währung und sie hilft den finanzschwachen Staaten bei der Finanzierung. Wollen wir den Euro behalten, müssen wir uns damit abfinden, dass er mehr der Lira ähnelt als der D-Mark, die wir aufgeben haben, um den Euro zu bekommen.


Allgemeinhin wird angenommen, dass Banken-, Schulden-, und Währungskrisen nicht unabhängig-, sondern sich wechselseitig verstärkend auftreten. Wie kann man diesen Teufelskreis am Besten durchbrechen?

Meiner Meinung nach ist die Konstruktion unseres Geldsystems ein wichtiger Grund für die wiederkehrenden Finanzkrisen. Wie gesagt wird dort Giralgeld über Kreditvergabe erzeugt. Um mehr Geld zu schaffen, müssen mehr Schulden gemacht werden. Die Zentralbanken steuern den Prozess der Gelschöpfung durch Kreditvergabe über ihre Zinsen für Kredite an die Banken. Da diese Zinsen zur Ankurbelung der Wirtschaft oft zu niedrig angesetzt werden, kommt es immer wieder zu Überschuldung und daran anschließend Schuldenkrisen.


Sie sind Honorarprofessor an der Universität Witten/Herdecke. Wie sollte man Studierenden heute in Wirtschaftswissenschaften unterrichten? Was geben Sie Ihnen mit auf den Weg?

Das Wichtigste ist, keinem zu trauen, nur weil er sich Professor nennt. Die Studenten müssen kritisch hinterfragen, was ihnen gelehrt wird, und ob das, was sie lernen hilft, die Wirklichkeit besser zu verstehen. Eine Lehre, die an der Wirklichkeit vorbei geht, taugt nichts, auch wenn ihre Vertreter mit Nobelpreisen geadelt wurden.

Was lernen Sie von Ihren Studenten? Welche Inspirationen nehmen Sie für Ihre Tätigkeit als Gründungsdirektor des Research Institutes von Flossbach von Storch mit?

Ich mag die Herausforderung, die Dinge so zu erklären, dass meine Studenten sie verstehen. Wenn ich das nicht schaffe, ist das ein Zeichen, dass ich die Dinge selbst nicht verstanden habe.


Abschließend: Die Arbeit als Banker und Gründungsdirektor der Denkfabrik der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch bringt es mit sich, dass Sie von teils hohen Geldsummen umgeben sind. Welche Bedeutung hat Geld für Sie persönlich?

Ich bin gebürtiger Schwabe und die haben ja bekanntlich einen genetisch bedingten Hang zum Geld. Abgesehen davon halte ich es mit der Weisheit meiner Mutter, die mir als Kind mal gesagt hat: Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt.


08 September 2016

Rezension: Honey in My Hand (EP) von Strato. - Der eigene Flow.

Die Hamburger Band Strato hat mit ihrer EP "Honey in My Hand" ein überzeugendes Debüt vorgelegt. Sie bedienen sich vieler musikalischer Zitate, klingen mal ein wenig wie Tame Impala, dann entfernt wie The Smiths. 

Es könnte für dieses Debüt keinen passenderen Titel geben als "Honey in My Hand": Die sechs Songs der jungen Hamburger Band "Strato" (bestehend aus: Hendrik, Mats, Martin und John) klingen so gut, als träufelte man Honig auf sein Frühstücksbrot oder ließe den goldgelben Saft langsam und genüsslich - an seinem Löffel herunter - in eine Tasse Tee rinnen. Der titelgebende Song der EP hat seinen ganz eigenen Flow und versetzt den Hörer in das Gefühl eines Sonntagmorgen. Es ist ein sanft-süßliches Dahinfließen, ein Schwelgen gar. Es sind Erinnerungen an die letzte Nacht auf dem Kiez, an dieses eine Mädchen, das man vermutlich nie wieder sehen wird. "Honey in My Hand" bietet immer wieder Momente, die einen in dieses Gefühl versetzen. - Die EP ist auch ein Reigen aus Remineszenzen: Frontsänger Hendrik Lenz singt "Wish I Was" im Stile Morrisseys und die Schlagzeugrhythmen einiger Stücke erinnern an "Tame Impala".

Natürlich bietet die EP auch Anlass zu Kritik. So ist die Produktion allzu "rough" geraten. Der Lead-Sänger ist streckenweise schwer zu verstehen und auch die Sounds der Instrumente wirken manchmal ein wenig verwaschen. Auch an der Melodieführung und Dramaturgie einzelner Songs könnte die Band noch feilen. Dennoch gilt: Ein überzeugendes Debüt!

7/10

12 Juni 2016

Beobachtungen: Der Spott der anderen.

Seit Freitagabend hat Deutschland wieder etwas über 80 Millionen Bundestrainer. Ihre Expertise erstreckt sich von einem ausgeprägten Taktik-Verständnis über die einzig wahre Startelf-Wahl bis hin zu Sprachtipps zur Aussprache von Spielernamen. Letztere gelten vor allem dem ZDF-Sportkommentator Béla Réthy. Er kommentierte das EM-Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Rumänien (2:1). 

In diesen Tagen gibt es kein Entkommen; wohin man auch geht - die Fußball-Euphorie schwappt als große, schwarz-rot-güldene Welle durch unser Land. Viele Millionen Menschen sehen mit Spannung, Freude oder Skepsis dem ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft am heutigen Abend (12.Juni, 21 Uhr, ARD) gegen die Ukraine entgegen. Im Mittelpunkt wird heute Abend der ARD-Kommentator Gerd Gottlob stehen, der schon das dritte Mal in Folge das erste Spiel der deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier kommentiert. Schon jetzt ist abzusehen, dass jeder noch so kleine Fehltritt von den etwas mehr als 80 Millionen Bundestrainern vor den Fernsehgeräten kritisch kommentiert werden wird.

Die sozialen Medien machen es uns leicht unseren Spott für falsch ausgesprochene Namen, verdrehte Fakten oder nicht beendete Sätze in die Welt zu tragen. ZDF-Kommentator Béla Réthy stand Freitagabend nicht das erste Mal in der Kritik er würde die Namen verschiedener französischer Spieler falsch aussprechen. Auf Twitter echauffierten sich viele Nutzer, er spräche den Namen des 2:1-Siegtorschützen Dimitri Payet falsch aus. Sie waren der Meinung man müsse den Spieler von West Ham United "Payee" aussprechen. Réthy sprach ihn wiederholt "Pajet" aus. Schon während des Spiels hatte Béla Réthy darauf verwiesen, warum er den Namen so ausspreche. Payet stammt von der Insel La Reunion. Dort spricht man den Namen Payet aufgrund eines eigenen Dialekts "Pajet" aus. 

Diese Diskussion ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Sie zeigt jedoch exemplarisch, dass das Internet besonders gut funktioniert und Klickraten enorm ansteigen, wenn Nutzer über eine andere Person spotten. Einige lassen ihre Häme, ihre Wut, ihre Besorgnis ungefiltert in Tweets oder Posts fließen und entfachen somit immer neue Shitstorms. Tag für Tag werden neue "Debatten" angestoßen, ohne das je eine davon einmal ein Ende findet. Viele Diskussionen funktionieren nur in selbstreferenziellen Schleifen und entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als heiße Luft. Allein, wir sollten uns fragen, ob wir die stellenweise hämischen, teils bösartigen Kommentare wirklich brauchen, um uns aufgrund von ein paar mehr Klicks besser zu fühlen. 

Heute Abend spielt nun also die deutsche Nationalmannschaft. Beginnen wir lieber wieder damit über schönen Fußball, euphorische Fangesänge und emotionale Kommentatoren zu staunen statt ständig danach zu suchen, was wir lieber anders dargebracht hätten. Übrigens: Das gilt nicht nur für die deutsche Mannschaft. Es gilt für jede der 24 Mannschaften des Turniers. 

09 Juni 2016

Reportage: Die gewöhnlichste Nacht.

Diese Reportage entstand für die erste Runde der Henri-Nannen-Schule zum Thema "Das letzte Mal: Wie jemand Abschied nimmt". Es geht um zwei Freunde, die sich an einem Dienstagabend im Februar in Hamburg treffen. Sie beobachten, sie lauschen. Doch es passiert nichts.

Wenn im Jenisch-Park die ersten Umrisse der alten Bäume aus der tiefschwarzen Nacht auftauchen und der Morgen langsam über Hamburg heraufzieht, ist es, als legte sich ein Instagram-Filter über die eigenen Augen. Alle Farben wirken sanft, knochige Äste und Baumstümpfe weichgezeichnet. Neben mir wandert Darius – eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen von der Nacht gezeichnet – über einen Schotterweg, der in ausladenden Kurven und immer sanft abfallend, hinunter zur Elbe führt. Darius bewegt sich trotz einiger Gläser Rotwein noch immer elegant. Er schreitet aus wie auf einer Promenade und schwingt seine Arme passend dazu. Seine Finger spreizt er aus Gewohnheit beim Gehen immer leicht ab. Es muss etwa sieben Uhr morgens sein. Die Luft ist klar und kalt. Beim Atmen bilden sich vor unseren Mündern weiße Wölkchen. „Warum sind wir eigentlich ausgerechnet unten in Teufelsbrück?“, fragt Darius müde und dreht mir seinen Kopf zu. Ich zucke nur mit den Schultern.

Wir betreten den Anleger, während eine Fähre, die Mitarbeiter des Airbus-Werks hinüber nach Finkenwerder schippert, andockt. Beißender Dieselgeruch und ein dröhnender Schiffsmotor können weder uns noch einen der Pendler aus ihrer Welt reißen. Ein Matrose wirft aus Gewohnheit einen dicken Tampen über einen Poller. Der Anleger wiegt sich im Takt der Wellen. Mit zumeist trübem Blick gehen ein paar Fahrgäste an Land. – Während wir noch wach sind, sind es diese Frauen und Männer, die den Anleger betreten sowie die Arbeiter von Airbus in ihren dunkelblauen Winterjacken und Overalls schon wieder. Darius und ich tun das, was wir schon die ganze Nacht über getan haben. Zuhören. Schweigen. Uns einfach treiben lassen. 

Ich hatte Darius am frühen Abend in seiner Wohnung an der Christuskirche besucht. Er lebt in einem dieser backsteinernen Mietshäuser, deren Flure nach wurmstichigem Holz und alterndem Gummiboden riechen. Die Wände sind so dünn, dass wir das laute Plärren eines Babys und zwei überdreht lachende Mädchen nebenan hören können. Eigentlich hatten Darius und ich uns getroffen, um mal wieder Zeit miteinander zu verbringen. Wir wollten ein paar Zigaretten rauchen, etwas Wein trinken sowie alte Filme schauen. Aber uns beide lockt in dieser Februarnacht die Dunkelheit auf die Straßen. Wir beginnen planlos durch Hamburg zu wandern. Auf der Schanze treiben sich an diesem Dienstagabend kaum Menschen herum. Das „Goldfischglas“ und das „Haus III&70“ sind kaum besucht. Irgendwo im Schanzenpark brüllt ein Mann trunken in die Dunkelheit hinein. Passanten sehen kurz von ihren Handys auf, schauen sich nach links und rechts um, senken dann wieder den Blick und eilen weiter die geräumige Straße hinab. Während Autos über das Kopfsteinpflaster poltern, laufen Darius und ich zum Schanzenbahnhof und nehmen die letzte S-Bahn nach Altona. 

Außer einem Punker mit signalgelb gefärbtem Haar, sitzt niemand in unserem Wagon. Im Bahnhof Altona betrachten Darius und ich uns unter flackerndem Neonlicht in den neuen Glasscheiben der Geschäfte, die dort bald eröffnen sollen. Imbissbuden, Schnellrestaurants, Bäckereien. Nichts bewegt uns zum Bleiben. Die Zeit flieht vor unseren Schritten. Irgendwie bekommen wir bei unserem planlosen Hin- und Herrennen nicht mit wie spät (oder sagt man jetzt schon früh?) es ist. Nachdem wir in einer Kneipe auf der Ottensener Hauptstraße zu versacken drohen, beschließen wir nicht mehr ganz klaren Kopfes, das Ende der Nacht – das Morgengrauen – an der Elbe zu erleben. – So sitzen wir also auf einer Bank in Teufelsbrück während ein schneidender Wind über die Elbe pfeift und das Wasser sich kräuselt. Langsam wird der Instagram-Filter vor unseren Augen kontrastreicher, die ersten Sonnenstrahlen schlagen auf dem Wasser auf und zerspringen zusammen mit der Gischt in kleine, glitzernde Punkte. Die Nacht nimmt Abschied. 

Gustave Flaubert hat einst versucht ein Buch über das Nichts zu schreiben, lernen wir in Paolo Sorrentinos Film „La Grande Belezza“, den Darius und ich am frühen Abend gesehen haben. Jetzt, nachdem ich diese Reportage heruntergeschrieben habe, fühle ich mich auch ein wenig, als hätte ich gerade über nichts geschrieben. Viele Eindrücke, kaum Handlung. Aber vielleicht muss das ja so sein. Eines kann ich jedenfalls mit Gewissheit sagen: Kein Moment, so klein er auch sein möge, ist wiederholbar. Alles flieht vor unseren Augen und wir können es nur festhalten, wenn wir es niederschreiben. Selbst die gewöhnlichste Nacht ist immer ein letztes Mal.

14 Mai 2016

Beobachtungen: Abgehängt und ausgeschlossen. - Warum es einfache Antworten heute leicht haben.

In unserer schnellen Welt Antworten auf die großen Fragen zu finden oder Zusammenhänge zu erkennen, fällt immer schwerer. Die Angst davor abgehängt zu werden, macht Menschen empfänglich für einfache Antworten. 

Es stehen uns so viele Antworten wie nie zuvor zur Verfügung. Wer sich nicht mehr daran erinnern kann, wie schnell das Licht durchs Weltall rast oder warum Blätter im Herbst ihre Farbe wechseln, erhält mit ein paar Mausklicks und der Hilfe von Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing eine schnelle Antwort. Fakten abzurufen ist so leicht wie nie zuvor. 

Gleichzeitig ist es schwieriger denn je, Zusammenhänge zu verstehen. Die Verzahnung der Welt, all die politischen Verträge zwischen einzelnen Staaten, die komplizierten Ströme der weltweit gehandelten Güter und kulturelle Differenzen, lassen sich nicht einfach mit einer Suchmaschine begreifen. Den amerikanischen Philosophen Michael Patrick Lynch führte diese Erkenntnis in seinem Buch "The Internet of Us" zu der Feststellung, dass wir im so genannten "Big Data"-Zeitalter mehr wüssten als je zuvor, aber immer weniger verstünden. Diese Erkenntnis hatte bereits T.S. Eliot - siebzig Jahre vor Lynch. Er schrieb 1934: "Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?". Diese Frage ist heute aktueller denn je. Durch die vielen Möglichkeiten sich über Liveticker, Eilmeldungen oder Livestreams über den aktuellen Zustand unserer Welt zu informieren, sind beinahe unbegrenzt. An manchen Tagen setzen die großen Medienhäuser zehn Eilmeldungen ab. Informationen gelangen ohne Zeitverzögerung und ungefiltert zu uns. Jeder, der ein Smartphone besitzt, erhält fast ebenso schnell Agenturmeldungen wie die Zeitungsredaktionen.

Das führt dazu, dass sich bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht ob des Tempos unserer Welt breitmacht. Es fällt immer schwerer Zusammenhänge zwischen einzelnen Ereignissen zu bilden oder die Wichtigkeit von Nachrichten zu sortieren. Plötzlich werden die Ergebnisse eines Fußballspiels  auf derselben Ebene wahrgenommen wie ein Flugzeugabsturz. Es lässt sich mittlerweile eine gewisse Routine beim Wahrnehmen von Schreckensmeldungen feststellen. Zumindest solange die eigene Sphäre davon nicht direkt betroffen scheint. - Die Terroranschläge von Brüssel und Paris sowie die Flüchtlingskrise zeigen, dass Menschen beginnen panisch zu reagieren, wenn ihr direktes Wahrnehmungsfeld betroffen ist. Da sich Zusammenhänge nur noch schwer herstellen lassen und Reizworte wie "Krise" oder "Anschlag" sehr schnell auf fruchtbaren Boden fallen, suchen viele Menschen nach einem rettenden Orientierungspunkt. Sie fühlen sich abgehängt und überfordert. Sie fühlen sich, als kümmerte sich niemand um ihre Belange, weil diese scheinbar nicht in den Medien auftauchen.

Deshalb verfangen einfache Antworten derzeit besonders gut. In ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika, entdecken die Menschen plötzlich ihren Nationalismus wieder. Es erscheint ihnen leichter die Welt auszuschließen und sich engstirnig den Gruppenzugehörigen zuzuwenden. 

In Zeiten der einfachen Antworten ist es umso wichtiger, dass Medien und Politik ihre Aufgabe gewissenhaft wahrnehmen und Zusammenhänge erklären. Die Verunsicherung vieler Menschen lässt sich nicht durch markige Sprüche oder noch mehr Informationen überwinden, sondern nur durch viel Zeit und die Fähigkeit zu erklären wie bestimmte Entscheidungen oder Ereignisse zustande kommen. Die einfachen Antworten der Nationalisten können gegen Sachlichkeit und Besonnenheit nichts ausrichten.


11 Mai 2016

Kommentar: Bewahrer der Menschenwürde.


Diesen Kommentar schrieb Autor Tobias Lentzler für die Bewerbung bei der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Er wurde in die Endrunde eingeladen, scheiterte dort jedoch. Das Thema des Kommentars lautete: "Journalisten müssen Haltung zeigen, für grundsätzliche Werte einstehen, Orientierung bieten, gerade in der heutigen Zeit. Das meinen die einen. Nein, sagen andere, wir brauchen keinen "Nanny-Journalismus", der zu jedem Geschehen, über das er berichtet, auch noch erklärt, was wir davon zu halten hätten. Und, was ist Ihr persönlicher Standpunkt in der Haltungsfrage?" - Ich war der Meinung, dass eine  funktionierende Demokratie meinungsstarke Journalisten braucht. 

  
Skandalversessen, manipulativ und bestechlich – so nahm eine Mehrheit der Deutschen laut einer Studie des Kommunikationswissenschaftlers Wolfgang Donsbach Journalisten wahr. Das war 2009. Spätestens seit dem vergangenen Jahr stehen alle Journalisten unter Generalverdacht, sie berichteten nicht wahrheitsgetreu, hielten gezielt Informationen zurück oder diktierten Meinungen. Diese Überzeugung gipfelt in dem diffamierenden Vorwurf „Lügenpresse“. – Die Berichterstattung der Medien kritisch zu hinterfragen, ist vollkommen legitim. So wie die Presse die Meinungsbildung erleichtern- und Machthaber kontrollieren soll, sollten Bürger die mediale Berichterstattung hinterfragen dürfen. Doch jeden Zeitungsartikel, jeden Fernsehbericht und jede Nachrichtenmeldung auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken infrage zu stellen und mit dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu überziehen, nur weil die ausgedrückte Haltung nicht in das eigene Weltbild passt, ist fadenscheinig und brandgefährlich. Eine funktionierende Demokratie ist auf Journalisten angewiesen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) sieht die Aufgabe und Verantwortung der Medien in der Achtung und dem Schutz der Menschenwürde eines jeden Einzelnen. Der deutsche Pressekodex erweitert das Berufsverständnis eines Journalisten um die Notwendigkeit, unbeeinflusst von persönlichen Interessen zu berichten. In bewegten Zeiten ist es jedoch unabdingbar, dass Journalisten ihre eigene Meinung in Kommentaren kundtun, um ihrer Aufgabe, die Menschenwürde eines jeden Bürgers zu wahren, nachzukommen. Selbstverständlich müssen in Berichten unterschiedliche und unangenehme Positionen zu Wort kommen. Jedoch dürfen Fremdenfeindlichkeit, Hetze oder Sexismus nicht ohne Einordnung verbreitet werden.

09 April 2016

Rezension: "Younger" von Jonas Alaska. - Ein verloren geglaubter Vertrauter.

Der norwegische Singer/Songwriter Jonas Alaska veröffentlichte am 08.April 2016 mit "Younger" ein durchweg erfrischendes Album. Einige Lieder eignen sich hervorragend als Untermalung eines Roadtrips durch Skandinavien. Seine musikalische Heimat Liverpool schwingt in jedem seiner Songs mit. 

Kaum sind die ersten zehn Sekunden von "Summer", dem Opener von Jonas Alaskas neuem Album "Younger" verklungen, stutzt man das erste Mal: Diese Stimme kommt einem doch verdächtig bekannt vor. Sie ist ein lange verloren geglaubter Vertrauter. Sie erinnert gerade in den höheren Lagen verdächtig an den großen John Lennon. Auch Alaskas Akkord-Muster, Rhythmen und auf das erste Hören unkomplizierte Songmuster, erinnern an Lennons Solo-Zeit. Vielleicht liegt es daran, dass Jonas Alaska seine musikalische Ausbildung am Liverpool Institute for Performing Arts erfahren hat. Die Hochschule wurde 1996 unter tatkräftiger Mithilfe von Ex-Beatle Paul McCartney, Lennons kongenialem Partner, ins Leben gerufen. Und nicht zuletzt ist Liverpool der Beginn der Beatles in den frühen sechziger Jahren.

Mit "Younger" veröffentlicht Jonas Alaska sein drittes Album seit seinem Debüt 2011. Es ist ein stimmiges, kurzweiliges, sehr unterhaltsames Album. Auf "Younger" schlägt er neben seiner akustischen Gitarre und bewährten Picking-Mustern immer öfter die E-Gitarre an und sorgt mit Background-Vocals und einer sehr guten Produktion für einen satteren Sound. Vor allem die Songs "Animal", "Astronomy" und "Paper Plane" überzeugen vom ersten Ton an. Stillstehen fällt danach schwer. Immer wieder spielt man die Songs im Kopfe durch. Nicht nur seine Stimme sondern auch die gefälligen, humorvollen und manchmal melancholischen Songs machen "Younger" hörenswert. Es geht ums Verlieben, um die eigene Schulzeit und die Ängste, die einen als Teenager dann und wann befallen. Wenn man die Augen schließt ist es gar, als liefen die eigenen Geschichten aus dieser Zeit vor einem ab. Nur dieses Mal mit einem passenderen Soundtrack und unterwegs in Skandinavien.

7/10

29 März 2016

Kommentar: Die SPD braucht ein neues Bad Godesberg.

Mit dem "Godesberger Programm", welches von 1959 bis 1989 als Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) fungierte, modernisierte sich die SPD und unternahm den Versuch sich als Volkspartei zu etablieren. Er gelang! Im Jahr 2016 bedürfte es abermals eines Grundsatzprogrammes, welches die Politik der Sozialdemokraten wieder von der Politik der CDU unter Angela Merkel abgegrenzt. Nachdem die SPD in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt einen gehörigen Bedeutungsverlust erlitten hat, muss die Partei sich neu erfinden, um ihrem Selbstbild als Volkspartei gerecht zu werden. - Viele SPD-Mitglieder haben Ideen wie eine solche Neuaufstellung aussehen müsste, allein eine gemeinsame Linie ist bisher noch nicht zu erkennen.

Die deutsche Sozialdemokratie hat mit dem "Godesberger Programm" von 1959 erstmals ihr Selbstverständnis neu definiert. Auf einem außerordentlichen Parteitag bekannte sich die Partei mit einer großen Mehrheit zu den neuen Grundzügen einer sozialdemokratischen Politik. Der so genannte "demokratische Sozialismus" wurde in dem Papier in sieben Kapiteln umrissen. Diese beinhalteten das Bekenntnis zu einer kapitalistisch verfassten Marktwirtschaft, im Wortlaut: "Wettbewerb soweit wie möglich - Planung soweit wie nötig!", zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sowie zur Landesverteidigung. Gerade die Bekenntnisse zur Landesverteidigung und zur Marktwirtschaft, verdeutlichen die Abkehr vom so genannten "Heidelberger Programm", welches zwischen den beiden Weltkriegen beschlossen wurde. Die SPD vollzog mit dem "Godesberger Programm", welches viele als Grundstein für die Kanzlerschaft Willy Brandts (und später Helmut Schmidts) ansehen, einen Wechsel von einer Arbeiterpartei hin zu einer für alle Bevölkerungsgruppen und Bildungsschichten wählbaren Volkspartei. 

Heute, so scheint es, gerät die Bezeichnung "Volkspartei" für die SPD immer mehr in Gefahr. Nicht bloß, weil die Partei in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg unter die 15-Prozent-Marke rutschte, sondern auch, weil sie im Bund seit Jahren bei knapp 24 Prozent stagniert. Zum Vergleich: Das beste Ergebnis der Parteigeschichte erzielte die SPD 1972. Damals erhielt sie nicht weniger als 45,8 Prozent der Zweitstimmen. 

Damit die älteste Partei Deutschlands weiterhin als gewichtige Stimme im politischen Diskurs wahrgenommen wird, bedarf es eines neuen Bad Godesberges. - Die SPD muss in einem neuen Grundsatzprogramm die Leitlinien für eine sozialdemokratische Politik des 21.Jahrhunderts darlegen. Wenn ein solcher Versuch gelingt, kann sie eine klare Alternative zu der von Angela Merkel geführten CDU bilden. Möglicherweise verschöbe dieser neue Ansatz einmal mehr das Parteienspektrum. Zumindest bestünde die Möglichkeit, dass die CDU sich wieder konservativer orientiert, was die Ausbreitung der AfD aufhalten könnte, und die SPD sich wieder als Mitte-Links-Partei verstünde. Ganz aufgeben sollte die SPD die Mitte nicht, denn schon Willy Brandt sagte: "Wahlen werden in der Mitte gewonnen". 

Innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gibt es vor allem Basis-Politiker, die sich mit einer Neuorientierung der Partei beschäftigen. Vor allem der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der zunehmend den konservativeren Flügel der Partei vertritt, steht immer wieder in der Kritik. - Gerade heute erschien in der "ZEIT online" ein Gastbeitrag des SPD-Mitglieds Yannick Haan. Er betont, dass die SPD vor allem dann gewählt worden sei, wenn sie überzeugende Antworten auf drängende Fragen der Zukunft gehabt hätte. Er will die Partei mithilfe der anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa neu organisieren. Am Beispiel Griechenlands illustriert er, wie machtlos die linke Politik einer Partei auf nationaler Ebene ist. Sie bedarf einer europaweiten Unterstützung. 

An Yannick Haans Beitrag ist vor allem hervorzuheben, dass er in Zeiten der wiedererstarkenden nationalistischen Strömungen, Europa und europäische Ideen in den Mittelpunkt stellt. Wenn die SPD ihr Bekenntnis zu grenzübergreifenden Werten und Strukturen ehrlich - und nicht bloß als Lippenbekenntnis - formuliert, so könnte in diesem Ansatz in der Tat eine "Perspektive", wie Haan schreibt, liegen. - Entscheidend scheint mir, dass die Sinnsuche nach einer zeitgemäßen linken, europäischen Politik, die Antworten auf drängende und zukünftige Fragen stellen muss und in der Lage ist eine Vision ihrer eigenen Politik zu entwickeln. Dies wäre von hoher Bedeutung für den Fortbestand der SPD als Volkspartei. - Eine Tatsache sollte der SPD Mut machen: Der große  Helmut Schmidt ließ zwar einst verlauten, wer Visionen habe, müsse zum Arzt. Jedoch war es der erste sozialdemokratische Kanzler Willy Brandt, der die SPD 1969 mit großen Visionen zum Wahlsieg führte.

22 März 2016

Kommentar: Die Sucht nach Skandalen. - Über den Umgang mit Max Kruse.

Eigentlich kam es mir nicht in den Sinn einen Artikel über den Fußballspieler Max Kruse zu schreiben. Nun scheint seine Privatsphäre in Gefahr. Es kursieren private Sprachnotizen von ihm auf Whatsapp, ein Nacktvideo macht im Netz die Runde. Die Netzgemeinde beweist, was für ein hämischer Haufen sie sein kann. 

Natürlich hat Max Kruse es den skandalversessenen Klatschreportern und der Netzgemeinde auf Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat leicht gemacht. 75.000 Euro in einem Taxi liegen zu lassen oder auf seiner Geburtstagsfeier einer BILD-Reporterin das Handy zu entwenden und von ihm gemachte Aufnahmen zu löschen, sind nicht unbedingt die durchdachtesten Aktionen. Doch was Max Kruse nun an Spott und Häme erfährt, welche Geschütze gegen ihn aufgefahren werden, verletzt das Persönlichkeitsrecht.
Auch ein Prominenter hat das Recht auf eine Intimspähre. Diese gilt es in jedem Falle zu schützen. Bei Max Kruse wird sie durch das im Netz veröffentlichte Nacktvideo und seine privaten Sprachnotizen, die auf Whatsapp kursieren, eindeutig verletzt. - Die Sucht nach Skandalen gibt es nicht erst seit der Erfindung des Internets. Aber es hat die Verbreitung von intimen Fotos, Sprachmemos oder Videos enorm erleichtert. 
Eine ins Rollen gekommene Lawine nach der ersten Verbreitung im Netz aufzuhalten, ist unmöglich. Man denke an die massenhaft veröffentlichten Nacktfotos von Prominenten im "The Fappening"-Fall 2014. Bis heute kursieren diese Bilder und finden sich auf einschlägigen Seiten. Um sie aufzurufen, bedarf es keiner besonderen IT-Kenntnisse. 

Ja, Max Kruse hat sich mit Sicherheit charakterlich nicht einwandfrei verhalten. Daraus zog Joachim Löw sportliche Konsequenzen und strich ihn aus dem Kader für die kommenden Freundschaftsspiele der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen England und Italien. Auch sein Verein, der VfL Wolfsburg, wird mit Sicherheit Konsequenzen aus seinem Verhalten ziehen. Seine Person jedoch jetzt in aller Öffentlichkeit zu diskreditieren, ihn mit Spott und Häme zu überziehen, ist in keinem Falle gerechtfertigt.  

Ich finde es erschreckend wie schnell aus einem beliebten Fußballprofi, einem sympathischen Mann, ein Sündenbock gemacht wird. Die Lust am Skandal macht bei vielen Leuten offensichtlich nicht einmal vor persönlichen Sympathien oder der Anhängerschaft für Wolfsburg oder die Nationalmannschaft halt.
Jeder, der jetzt über Max Kruses Unbeholfenheit lacht, sollte sich fragen, was er tun würde, wenn private Bilder oder Videos von ihm im Netz stünden. Das Argument, er habe sich "ausgesucht" prominent zu sein, zieht nicht. Max Kruse spielt sehr erfolgreich Fußball. Er hat sich nicht alleine ins Rampenlicht gestellt. Er wurde dorthin gedrängt.

20 März 2016

Beobachtungen: Wie sich die AfD als Außenseiter inszeniert.

Die "Alternative für Deutschland" (AfD) hat am 13.März 2016 mit hohen Ergebnissen bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt (24,2 %), Baden-Württemberg (15,1 %) und Rheinland-Pfalz (12,6%) auf sich aufmerksam gemacht. Sie konnte von allen Parteien Stimmen abschöpfen und selbst Nichtwähler dazu gewinnen, die AfD zu wählen. Warum dieser Wahlerfolg eine Herausforderung für unsere Demokratie ist und wie wir dieser Partei ihren Nährboden entziehen können.

Zunächst einmal die positive Nachricht der drei Landtagswahl vom 13.März: Es treten wieder mehr Bürger an die Wahlurnen. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg beteiligten sich über 70 Prozent an der Wahl, in Sachsen-Anhalt immerhin 61,6 Prozent. Im Vergleich zu den letzten Landtagswahlen in diesen Bundesländern, ist das ein deutlicher Anstieg. Die schlechte Nachricht ist: Vor allem die AfD hat Nichtwähler dazu bewegen können, ihre Stimme abzugeben. 

Nun lässt sich selbstverständlich fragen, warum uns diese Tatsache zu denken geben sollte. Grundsätzlich ist es doch positiv, wenn wieder mehr Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Ohne Zweifel bedarf es in einer lebendigen Demokratie einer hohen Wahlbeteiligung. Je mehr Leute wählen, desto deutlicher zeichnet sich ein Stimmungsbild in dem jeweiligen Land ab: Wovor ängstigen sich die Bürger, welche Themen bewegen sie persönlich, wie zufrieden sind sie mit der Arbeit der jeweiligen Landesregierung? 
Es ist lässt sich nur ebenso gut fragen, warum so viele Menschen Vertrauen in eine Partei setzen, die mal mehr, mal weniger deutlich nationalistische Töne anschlägt und die - in vielen Jahrzehnten entwickelte Offenheit in Europa und der Welt - kritisiert. Die AfD inszeniert sich medial gerne als Partei, die endlich einmal die Wahrheit verkündet, Probleme benennt und mit hochgerollten Ärmeln anpackt. Sie stilisiert sich gar als Partei, welche die "Angst der Bürger" ernst nehme. 
Sie betreibt eine Abgrenzungsstrategie gegenüber den arrivierten Parteien und den Massenmedien. Die AfD distanziert sich nicht oder niemals eindeutig von dem, in sozialen Netzwerken immer stärker geschürte Hass gegen die - von ihren Anhängern oft als "Lügenpresse" diskreditieren - Journalisten, sondern nutzt ihn, um angsterfüllten, unzufriedenen Bürgern eine neue Identifikationsfläche zu bieten. Dass die Bundesvorsitzende der AfD, Frauke Petry, dennoch gerne in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten auftritt und von einer politischen Sendung zur anderen spaziert, ist eine der vielen Ungereimtheiten, die in der AfD in Kauf genommen werden.

Dass neue Parteien zunächst ein Becken für unterschiedliche Strömungen bilden, ist nicht neu. Einen ähnlichen Prozess durchliefen z.B. die Grünen oder die mittlerweile wieder in Vergessenheit geratenen Piraten. Im Unterschied zu den Grünen und den Piraten, ist bei der AfD in meinen Augen jedoch kein eigenes Idealbild vorhanden. Es gibt kein konkretes Ziel, welches die Partei anstrebt. Sie war zunächst eine Anti-Euro-Partei, nun ist sie vor allem eine Anti-Flüchtlings-Partei, die teils rassistische Ressentiments bedient und nationalistisch argumentiert.

Es scheint fast, als ginge es der AfD nur um eines: Macht. - Zu diesem Zwecke instrumentalisiert sie sämtliche Ängste unterschiedlichster Wählergruppen und -schichten, inszeniert sich als von allen im Bundestag vertretenen Parteien gemiedene und nur das Wohl der Menschen im Sinn führende Gruppe und nimmt verbale Entgleisungen von düstere Führungsfiguren wie Björn Höcke oder Beatrix von Storch in Kauf. Auch Verbindungen zu rechten bis rechtsextremen Parteien werden niemals deutlich abgestritten. 
Problematisch erweist sich, dass Parteien wie die CDU, die Grünen und die SPD diese Inszenierung der AfD durch ihr Verhalten noch verstärken. Ablehnung der AfD und politisches Klein-Klein, stärken die Position der so genannten "Alternative". 

Was für Konsequenzen müssen die Bürger sowie Politiker aus den Erfolgen der AfD bei den Landtagswahlen 2016 in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ziehen? 
Es hat in den über 60 Jahren, die unsere Demokratie nun Bestand hat, schon mehrfach Parteien des rechten Randes gegeben, die für eine Weile die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Bei der AfD erscheint es  jedoch geboten, ihr entschlossenes demokratisches Handeln entgegenzustellen. Sich als arrivierte Partei in persönlichen Auseinandersetzungen und Interessenkonflikten zu ergehen, ist mit Sicherheit nicht das Gebot der Stunde. Auch eine durchgehende Abschottung bzw. das Ignorieren der AfD, wird nicht das gewünschte Ergebnis erzielen.

Um einer Partei wie der AfD Herr zu werden, müssen wir alle - Politiker sowie Bürger - zeigen, dass wir unsere Demokratie nicht als gegeben ansehen. Jeder sollte beginnen, sich wieder politisch, vor allem aber gesellschaftlich zu engagieren. All diejenigen, die sich abgehängt fühlen, weil sich unsere Gesellschaft durch die Globalisierung und die Digitalisierung nachhaltig verändert, sollten ernst genommen werden. Wenn wir einander die Hand reichen und die vielen Vorteile aufzeigen können, die ein weltoffenes Deutschland bietet, wird einer Partei wie der AfD nach und nach ihr Nährboden entzogen: Angst.
Ein diffuses Gefühl der Überforderung, des "Sich-fremd-Fühlens", kann nur überwunden werden, indem wir zusammen Probleme erörtern und Herausforderungen anpacken. - Wenn wir die vielen als "Krisen" heraufbeschworenen Herausforderungen als Chance begreifen, können wir aus Deutschland ein offenes Land machen. Ein Land, welches Toleranz vorlebt und Weltoffenheit. Wenn wir uns dieser Herausforderung stellen, wird die AfD bald keinen Stich mehr machen.