30 Januar 2016

Kommentar: Aufwachen, bitte! - Über ein Land unter Dauerstrom.

Die Töne, die Teile der Bevölkerung anschlagen, werden immer schriller. Kräftig drehen wir an der Entrüstungsspirale. Immer lauter werden Vorwürfe gegenüber den Medien sie würden einseitig berichten. Immer heftiger wird die Forderung nach einem harten Durchgreifen der Politik in der Flüchtlingsdebatte. Es ist an der Zeit, dass wir einen gemeinsamen Weg gehen und nicht tatenlos zusehen wie Angst die Deutungshoheit über die aktuellen Geschehnisse bekommt. 

Scheuen Sie einfache Antworten! - Das möchte man am Liebsten jedem zurufen, der in der aktuell aufgeheizten Stimmung um die Silvesternacht von Köln und offen fremdenfeindliche Äußerungen von Pegida oder einigen Mitgliedern der AfD, den Überblick verliert. Noch nie war es wichtiger "Dunkeldeutschland", um es mit den Worten des Bundespräsidenten Joachim Gauck zu formulieren, ein "helles Deutschland, das sich leuchtend darstellt" entgegen zu stellen. 

Jeder einfachen Lösung der Debatte um Geflüchtete, jeder Polemik, jeder Parole, sollten wir Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, kritisch gegenüberstehen. Wir sollten sie hinterfragen, uns informieren, eigene Antworten entwickeln und die offene Politik, die Angela Merkel verfolgt, unterstützen. - "Wir schaffen das" hieß nie, dass eine Lösung der Flüchtlingskrise einfach sei - auch hieß es nie, dass innerhalb unserer Gesellschaft keine Konflikte aufkämen. - Jedoch sollte uns die aktuelle Stimmung in Deutschland und der hierzulande wieder salonfähig gewordene Rassismus, zu denken geben. Er sollte jeden, dem etwas an der Demokratie dieses Landes liegt, erwecken. Wir müssen gegen fremdenfeindliche Äußerungen und Taten den Mund auftun - wir müssen aufwachen! 

Ich finde es mittlerweile unwahrscheinlich schwierig einen sachlichen Ton in diesem Land unter Dauerstrom anzuschlagen. Es ist an der Zeit den Angst- und Wutbürgern ihre selbstreferenziellen, unsachlichen Argumente vorzuhalten und sie zu entkräften. Es ist an der Zeit sich zu engagieren, seine Stimme zu erheben und die Menschen, die vor Hunger, Krieg und Gewalt fliehen und zu uns kommen, herzlich willkommen zu heißen. 
Wenn wir es nicht schaffen einen gemeinsamen Weg in diese Richtung zu gehen, wandeln wir auf gefährlichen Pfaden. So stark unsere über viele Jahrzehnte gewachsene Demokratie sein mag - wenn ein Großteil der Bevölkerung sich von der Politik und den Medien verraten fühlt - kann die Stimmung schnell kippen. Wir sollten uns nicht ausruhen auf vergangenen Sternstunden unserer Demokratie, nicht auf einzelne, mutige Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker verlassen. Damit unser Land sich weiterhin als weltoffen und freundlich gegenüber jedermann zeigen kann, dürfen wir die Deutungshoheit über aktuelle Geschehnisse nicht billigen Parolen, nicht extremistischer Hetze überlassen.