12 Juni 2016

Beobachtungen: Der Spott der anderen.

Seit Freitagabend hat Deutschland wieder etwas über 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainer. Ihre Expertise erstreckt sich von einem ausgeprägten Taktik-Verständnis über die einzig wahre Startelf-Wahl bis hin zu Sprachtipps zur Aussprache von Spielernamen. Letztere gelten vor allem dem ZDF-Sportkommentator Béla Réthy. Er kommentierte das EM-Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Rumänien (2:1). 

In diesen Tagen gibt es kein Entkommen; wohin man auch geht - die Fußball-Euphorie schwappt als große, schwarz-rot-güldene Welle durch unser Land. Viele Millionen Menschen sehen mit Spannung, Freude oder Skepsis dem ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft am heutigen Abend (12.Juni, 21 Uhr, ARD) gegen die Ukraine entgegen. Im Mittelpunkt wird heute Abend der ARD-Kommentator Gerd Gottlob stehen, der schon das dritte Mal in Folge das erste Spiel der deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier kommentiert. Schon jetzt ist abzusehen, dass jeder noch so kleine Fehltritt von den etwas mehr als 80 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainern vor den Fernsehgeräten kritisch kommentiert werden wird.

Die sozialen Medien machen es uns leicht unseren Spott für falsch ausgesprochene Namen, verdrehte Fakten oder nicht beendete Sätze in die Welt zu tragen. ZDF-Kommentator Béla Réthy stand Freitagabend nicht das erste Mal in der Kritik er würde die Namen verschiedener französischer Spieler falsch aussprechen. Auf Twitter echauffierten sich viele Nutzer, er spräche den Namen des 2:1-Siegtorschützen Dimitri Payet falsch aus. Sie waren der Meinung man müsse den Spieler von West Ham United "Payee" aussprechen. Réthy sprach ihn wiederholt "Pajet" aus. Schon während des Spiels hatte Béla Réthy darauf verwiesen, warum er den Namen so ausspreche. Payet stammt von der Insel La Reunion. Dort spricht man den Namen Payet aufgrund eines eigenen Dialekts "Pajet" aus. 

Diese Diskussion ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Sie zeigt jedoch exemplarisch, dass das Internet besonders gut funktioniert und Klickraten enorm ansteigen, wenn Nutzer über eine andere Person spotten. Einige lassen ihre Häme, ihre Wut, ihre Besorgnis ungefiltert in Tweets oder Posts fließen und entfachen somit immer neue Shitstorms. Tag für Tag werden neue "Debatten" angestoßen, ohne das je eine davon einmal ein Ende findet. Viele Diskussionen funktionieren nur in selbstreferenziellen Schleifen und entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als heiße Luft. Allein, wir sollten uns fragen, ob wir die stellenweise hämischen, teils bösartigen Kommentare wirklich brauchen, um uns aufgrund von ein paar Klicks mehr besser zu fühlen. 

Heute Abend spielt nun also die deutsche Nationalmannschaft. Beginnen wir lieber wieder damit über schönen Fußball, euphorische Fangesänge und emotionale Kommentatoren zu staunen statt ständig danach zu suchen, was wir lieber anders dargebracht hätten. Übrigens: Das gilt nicht nur für die deutsche Mannschaft. Es gilt für jede der 24 Mannschaften des Turniers. 

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